03/02/2026
Kommentar zum Haushaltplan 2026
der Stadt Bad Waldsee
Liebe Kolleginnen und Kollegen,
sehr geehrte Damen und Herren,
wenn ich richtig gezählt habe, ist das heute meine 25. Haushaltsrede.
Um wenigstens bei der Jubiläumsausgabe nicht zu viel Blödsinn zu erzählen, habe ich erstmals die künstliche Intelligenz (ChatGPT) befragt, was denn in den Haushaltsberatungen anderer kleiner und mittlerer Städte in BadenWürttemberg derzeit so thematisiert wird.
Das Ergebnis meiner Anfrage an die KI habe ich mir ehrlich gesagt spektakulärer vorgestellt, bestätigt aber meine Einschätzung:
Wie in Bad Waldsee geht es in nahezu allen Kommunen um
- die Sicherung eines ausgeglichenen Haushalts,
- um die mühevolle Erfüllung der Pflichtaufgaben (insbesondere Kinderbetreuung, Schulen, Feuerwehr, Straßen, Fuß- und Radwege)
- und um den Umgang mit steigenden Kosten bei rückläufigen Einnahmen.
Wie Sie, Herr Oberbürgermeister Henne und Frau Bürgermeisterin Ludy beklagen zudem fast alle Stadtoberhäupter
- die überbordende Bürokratie,
- die immer neuen kommunalen Aufgaben bei fehlender Finanzierung
- und die große Unsicherheit angesichts neuer geopolitischer Entwicklungen.
Erstaunlicherweise spielt die Forderung nach mehr Bürgerbeteiligung in den Haushaltsreden zunehmend weniger eine Rolle als noch etwa vor zehn Jahren. Das könnte laut KI auf der einen Seite damit zusammenhängen, dass sich die Bürgerschaft z.B. durch gut gemachte Informationskanäle oder soziale Medien heutzutage besser informiert fühlt oder aber – was ich mindestens für gleich wahrscheinlich halte – dass eine gewisse Resignation eingekehrt ist angesichts der fehlenden Nachhaltigkeit von Online-Fragebögen, Worldcafé-Sitzungen und moderierten Gruppenarbeiten.
Die Nächste Erkenntnis laut ChatGPT lautet:
„Die von der Verwaltung eingebrachten Haushaltsentwürfe werden fast ausnahmslos durch das Gemeinderatsgremium abgenickt.“
Das wird heute in Bad Waldsee auch so sein, für diese Vorhersage braucht es keine KI. Doch für das vermeindliche „Abnicken“ gibt es in Bad Waldsee einen guten Grund: Bis vor wenigen Jahren wurde von der Verwaltung vier Wochen vor der Haushaltssitzung ein weitgehend geheimes Zahlenwerk eingebracht. Kritische Interpretationen, lange Reden und trotzige Anträge wurden damit geradezu herausgefordert.
Heutzutage – das ist als ehrliches Lob an die Rathausspitze gemeint – wird der Gemeinderat kontinuierlich und unterjährig in die Entscheidungen und politischen Weichenstellungen eingebunden. Die Ergebnisse der Haushaltsstrukturkommission wurden umgesetzt und sowohl die Ortschaftsräte wie der Gemeinderat hatten in Vorberatungen mehrfach Gelegenheit zu Nachfragen und Diskussionen. Zudem ist der Haushaltsplan transparent und für jeden online einzusehen.
Somit haben auch wir Freien Wähler heute keinen grundgelegen Beratungsbedarf mehr, vor allem weil wir auch in diesem Jahr feststellen können, dass weder Steuererhöhungen noch neue Schulden – ich sage bewusst nicht „Sondervermögen“ - vorgesehen sind, die unsere folgenden Generationen belasten würden.
Das ist uns Freien Wählern wichtig, dafür setzen wir uns auch weiter ein. An der Stelle sind wir gern altmodisch und freuen uns, das die schwäbische Hausfrau wenigstens noch teilweise mitsprechen darf.
Wenn ich mir die heutige über-mächtige Tagesordnung anschaue, stelle ich fest, dass die Verabschiedung der Haushalts- und Wirtschaftspläne aus Sicht der Verwaltung offensichtlich nur noch eine Formalie darstellt. Aber trotz der gebotenen Eile erlaube ich mir, den Finger noch kurz in die größte Wunde zu legen:
Knackpunkt im Städtischen Haushalt: nicht ausgeglichen!
Auch ohne KI stolpert man sofort darüber: Der Haushaltssplan für die Große Kreisstadt Bad Waldsee ist nicht ausgeglichen. Wir werden heute einen Ergebnishaushalt beschließen, der ein negatives ordentliches Ergebnis von fast 1,9 Mio. Euro aufweist. Die Kosten steigen gegenüber dem Vorjahr um 14% während die Einnahmen nur um 4% zunehmen, trotz optimistisch eingeplanter Gewerbesteuer und wohlwollender Interpretation der Steuerschätzung.
Im Klartext heißt das: Wir leben planmäßig über unsere Verhältnisse, geben sehenden Auges deutlich mehr Geld aus, als wir zur Verfügung haben. Jetzt könnte man sagen: Einmal geht das schon! Die Ausgaben für die Jubiläumsfestlichkeiten beipielsweise werden sich im Doppelhaushalt 27/28 nicht wiederholen, auf der anderen Seite müssen wir davon ausgehen, dass die Kreisumlage aufgrund hoher Zuschußbedarfe für die Oberschwabenklinik und den öffentlichen Personennahverkehr sogar noch steigt und dass sich die Personalkosten auch zukünftig nur in eine Richtung entwickeln werden.
Der größte Teil des Abmangels ist struktureller Art und geht deshalb auch nicht von alleine wieder weg wie ein Schnupfen. Aus dem Grund auch die klare Forderung unserer Fraktion: Der Griff ans Tafelsilber zum Ausgleich des Defizits in dieser Größenordnung muss ein Einzelfall bleiben, denn damit verlieren wir deutlich an Gestaltungspielraum für unsere Zukunft!
Es ist auch kein Trost, dass wir uns in guter Gesellschaft befinden: Der Städtebund Baden-Württemberg hat festgestellt, dass die deutliche Mehrheit der Kommunen, also über die Hälfte, ebenfalls keinen ausgeglichenen Haushalt mehr erreicht.
Optimistischer stimmt uns schon eher, dass wir davon ausgehen, dass der Jahresabschluss 2026 wie in den Jahren zuvor wieder deutlich besser ausfallen wird als geplant. Früher haben wir süffisant von eingeplanter „Kämmerer-Luft“ im Haushalt gesprochen, heutzutage wird das bessere Ergebniss mit konjunktureller Erholung oder unterjährigen Einsparungen erklärt. Wie auch immer und um nicht falsch verstanden zu werden, Frau Ludy: Ich freue mich auch ohne Wette über das positive Ergebnis, das Sie uns dann hoffentlich wieder präsentieren werden.
Im Finanzhaushalt sieht‘s leider nicht viel besser aus, die satten Rücklagen vergangener Jahre schmelzen dahin wie das Eis Grönlands. Doch angesichts der trotzdem eingeplanten Kredite an unsere Eigenbetriebe und an verbundene Unternehmen sowie einer lukrativen Geldanlage bei Deutschlands drittgrößtem Energieversorger sehen wir unsere Liquidität noch deutlich im grünen Bereich. Auch wird es noch mehrere Jahre dauern, bis die Megabaustelle „Breitbandausbau“ abgerecht sein wird und erst dann werden sich die tatsächlichen Investitions- und Folgekosten wie Abschreibung errechnen lassen.
Die Investitionschwerpunkte der Haushalte verschieben sich
Es ist schon gute Tradition, dass Sie, Herr Oberbürgermeister Henne, die wichtigsten Investitionen und die dafür eingeplanten beeindruckenden Millionenbeträge beim Neujahrsempfang präsentieren. Für die Investitionskraft unserer Stadt werden wir in der Tat von vielen Nachbarn beneidet - in Bad Waldsee geht vieles voran, was anderenorts längst nicht mehr möglich ist. Der Schwerpunkt lag in den vergangenen Jahren im Bereich Bildung und Betreuung. Das war richtig und das haben wir auch zu 100% unterstützt. Nun müssen wir aber vermehrt auch das Gesundheits- und Betreuungsangebot für unsere älteren Mitbürgerinnen und Mitbürger in den Mittelpunkt rücken. Viele Waldseer sind gespannt, was sich hinter Ihrer hoffnungsvollen Andeutung verbirgt, man sei auf einem guten Weg und können schon bald über konkrete (Investoren-) Maßnahmen im Themenkreis Ärztehaus und seniorengerechtes Wohnen sprechen und damit verbunden zur Zukunft unseres Pflegeheims Spitals.
Masterplan Städtische Rehakliniken weckt Hoffnungen
Ebenso sind schon viele Waldseer gespannt, was sich hinter dem so genannten Masterplan für die Städtischen Rehakliniken verbirgt.
Der Wirtschaftsplan der Reha-Kliniken gibt schon mal einen klaren Hinweis: Der geplante Verlust im aktuellen Geschäftsjahr ist mit 1,8 Mio. Euro veranschlagt, trotz unglaublicher Belegungsquote von 95%. Ob dieser Verlust tatsächlich eintritt, wird in großem Maße davon abhängig sein, ob die geplanten Unterhaltungs- und Sanierungsmaßnahmen in vollem Umfang umgesetzt werden können. Schon in früheren Wirtschaftsjahren hat man sich viel vorgenommen, der Investitionsstau war trotzdem immer wieder Thema in meinen Haushaltsreden.
Mit dem Masterplan verbinden wir jedoch mehr als nur die Modernisierung von Patientenzimmern, Beschaffung neuer Energieanlagen und optischen Auffrischungen. Mit der gelungenen Wiedereröffnung der Sauna wurde ein wichtiger Schritt zur Attraktivierung unserer Gesundheitseinrichtungen gemacht. Um die Arbeitsplätze der Betriebe zu sichern und die Spitzenposition im umkämpften Rehamarkt zu halten, bedarf es aber ganz sicher größerer Investitionen in die Infrastruktur und die Gebäude sowie die Neukonzeption des ehemaligen Kurgebiets.
Liebe Betriebsleitung, bitte bleiben Sie hier am Ball und nehmen Sie uns mit bei Ihren mutigen Zukunftsentscheidungen! Wir unterstützen Sie dabei gern.
Mit Blick auf die eingeforderte Sitzungsökonomie bin ich heute nicht auf alle Pläne und Zahlen eingegangen. Umso umfassender möchte ich zum Schluss aber im Namen der Fraktion der Freien Wähler unseren großen Dank an alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Verwaltung in der Kernstadt, in den Ortschaften sowie der Betriebe und verbundenen Unternehmen aussprechen. Vielen herzlichen Dank für Ihren Einsatz und Ihr ganzjähriges Engagement für unsere Stadt und für unsere Bürgerschaft.
Fürs Protokoll:
Die Freien Wähler stimmen dem Haushaltsplan der Großen Kreisstadt Bad Waldsee und den Wirtschaftsplänen der kommunalen Eigenbetriebe 2026 zu.
Vielen Dank für‘s Zuhören und Danke für das gute Miteinander.
Für die Fraktion der Freien Wähler
Bernhard Schultes, 2. Februar 2026