17/02/2026
Der Freien Presse ist zum Valentinstag mit der Wochenendausgabe "WE" eine außerordentlich meisterliche Beilage gelungen! Herzlichen Dank an alle Redakteure und Beteiligte. Ein besonderes Highlight, wie man heute so sagt, ist ein Beitrag eines Chemnitzer Wirtschaftsförderers, der es verdient, hier weitergeleitet zu werden...🧐
Von Boris Kaiser
Chemnitz - Vor einigen Monaten spielte sich im Chemnitzer Stadtrat eine vielsagende Szene ab. Es ging um die Einführung eines gelosten Bürgerrates für die Haushaltskonsolidierung. Die Idee ist kraftvoll: Menschen sollen direkt über einen Teil des Steuergeldes entscheiden, das sie selbst erwirtschaften. Der Antrag wurde abgelehnt. Die Begründung aus der bürgerlichen Mitte war so ehrlich wie erschütternd: Die Bevölkerung verfüge nicht über das nötige Wissen, um die komplexen Zusammenhänge kommunaler Finanzen zu verstehen. Da war es wieder, das paternalistische Tätscheln des Wählerkopfes: „Geh spielen – das hier ist was für die Großen!“ Doch diese Haltung ist mehr als die Arroganz der Macht. Sie ist ein Symptom: Man hält den Souverän für überfordert, für zu emotional, für nicht kompetent. Beteiligung wird daher simuliert, statt Macht wirklich zu teilen. Wir haben offenbar eine sehr grundsätzliche Lektion vergessen. Wir haben uns in einer „Wahldemokratie“ eingerichtet und glauben, das Ankreuzen alle paar Jahre sei der Gipfel der Teilhabe. Doch viele spüren: Es reicht nicht mehr. Das System atmet nicht. Was tun?
Schauen wir uns die Rathäuser einmal ungeschminkt an. Da erarbeiten die Verwaltungen komplizierte „Haushalte“, die von den gewählten Räten kontrolliert werden sollen. In Chemnitz ist es sogar ein Doppelhaushalt, ausgedruckt ein Wälzer von 1200 Seiten, gefüllt mit Verwaltungsdeutsch und Zahlenkolonnen. Wer glaubt ernsthaft, jeder ehrenamtliche Stadtrat habe das bis in den letzten Winkel durchdrungen?
Die Wahrheit ist banaler: Unsere gewählten Vertreter lassen sich oft von der hauptamtlichen Verwaltung am Ring in der Nase durch die Manege führen. Sie müssen ihr vertrauen, weil sie gar nicht alles kontrollieren können. Das ist kein Vorwurf an das Ehrenamt. Es ist eine Systemkritik. Wir haben Verfahren geschaffen, die eine Blase aus Sachzwängen erzeugen. Und dann wundern wir uns, warum Entscheidungen so weit weg von der Lebensrealität wirken.
Das es anders geht, kann ich beweisen. Nicht in der Theorie, sondern in Chemnitz. In der „Kosmos-Werkstatt“, die Vorschläge für die Zukunft des gleichnamigen Festivals in Chemnitz erarbeiten soll, haben wir ein Experiment gewagt, das der etablierten Ordnung als Unsinn erscheinen mag: Wir haben gelost – und die Verantwortung für komplexe Themen in die Hände zufällig „zusammengewürfelter“ Menschen gelegt.
Wahlen stärken Eliten
Das Ergebnis war kein Kompetenzvakuum. Es war eine Sternstunde. Da saß die Rentnerin neben dem Studenten, der Handwerker neben der Akademikerin. Menschen, die sich mit ihren unterschiedlichen Ansichten und Lebensumfeldern normalerweise wohl nie begegnet wären. Was also passiert, wenn man diese Menschen in einen Raum setzt, ihnen Experten nur zur Beratung an die Seite stellt und sie über echte Fragen entscheiden lässt? Es entsteht die „Weisheit der Vielen“. Wir haben gesehen, dass diese Menschen sehr wohl in der Lage sind, knifflige Finanzthemen zu diskutieren und Programme weitsichtig zu planen. Und zwar oft lösungsorientierter als Politiker.
Warum? Weil sie frei sind. Ein ausgeloster Bürger muss keine Rücksicht auf Parteifreunde nehmen. Er muss nicht überlegen, wie seine Entscheidung in den Medien rüberkommt oder ob sie seine Wiederwahl gefährdet. Er ist tatsächlich nur dem eigenen Gewissen verpflichtet. Das ist die eigentliche Freiheit. Und es ist die eigentliche Kompetenz. Das Update, das uns helfen könnte. Dabei ist die Idee nicht neu, sondern steinalt: Dass der Zufall des Loses eben kein Glücksspiel ist, sondern ein Rettungsanker unserer ermüdeten Demokratie sein kann, zeigt schon ein Blick ins alte Athen. Bei der Wiege der Demokratie sehen wir meist Männer in Gewändern vor uns, die geschliffene Reden halten. Wir denken an sie als die Erfinder der Wahlen. Das aber ist ein Missverständnis. Denn für die alten Griechen waren Wahlen gar nicht das demokratischste Instrument. Diese, so ihre Überzeugung, sind stattdessen aristokratisch.
Warum? Weil bei Wahlen fast immer die gewinnen, die bekannt sind, Geld haben, gut reden können oder aus den „richtigen“ Familien stammen. Wahlen stärken Eliten. Das Herz der attischen Demokratie schlug daher im Takt des „Kleroterion“. Das war eine Maschine. Ein Apparat aus Stein, gefüttert mit Tonscherben und farbigen Würfeln, der mechanischen Zufall generierte. Damit wurden nach einer Wahl die wichtigsten Ämter besetzt. Der Rat der 500, die Richter, die Verwaltung – alle wurden gelost. Die Logik dahinter ist bestechend radikal: Jeder Bürger ist fähig zu regieren. Nicht Reichtum, Rhetorik oder Parteibuch qualifizieren dich, sondern dein Dasein als Bürger. Die Athener wussten, dass Macht korrumpiert, wenn sie zu lange in denselben Händen liegt. Also ließen sie die Macht rotieren: Heute regierst du, morgen wirst du regiert. Und es gibt einen zweiten Effekt des Losverfahrens, und der betrifft den Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält. Wir leben in einer Zeit der Polarisierung, brüllen uns in digitalen Echokammern immer mehr an. Uns zuzuhören haben wir verlernt. Das Losverfahren durchbricht diese Mauern mit brutaler Sanftheit. Hier kann man sich sein Gegenüber nicht aussuchen, sondern man muss dem „Anderen“ in die Augen sehen, dessen Geschichte hören, sein „Warum“. Das erzeugt Empathie. Nicht im Sinn von „Wir haben uns alle lieb“ - sondern im Sinne von Respekt. Man erkennt: Das Gegenüber hat Gründe. Daraus erwächst Vertrauen.
Die Intelligenz der Vielen
In Irland hat dieser Prozess viel bewirkt. Geloste Bürgerversammlungen konnten dort Themen lösen, an denen die Politik jahrelang gescheitert war, etwa die Ehe für alle oder das Abtreibungsrecht. In Ostbelgien gibt es mittlerweile einen ständigen Bürgerrat, der dem Parlament zur Seite steht. Dort hat man verstanden: Geloste Bürger sind keine Konkurrenz der gewählten Volksvertreter. Sie sind ihr Update.
Wir stehen am Wendepunkt. Darauf, dass wir alle paar Jahre unsere Stimme abgeben und „die da oben“ dann alles regeln, vertrauen immer weniger Menschen. Die heutigen Krisen sind zu komplex, als dass wir auf die Intelligenz der Vielen verzichten könnten. Die Angst davor, dem Bürger Macht zu geben, ist in Wahrheit Angst vor Kontrollverlust. Aber exakt den brauchen wir: Politiker müssen Macht abgeben, um Handlungsfähigkeit zu gewinnen. Ein geloster Bürgerrat, der Stadtrat und Verwaltung zuarbeitet, bringt Lebenswirklichkeit in die Akten. Und er schafft Legitimation, weil jeder weiß: Das haben nicht Lobbyisten ausgeklüngelt, sondern Leute wie du und ich gut abgewogen. Die Kulturhauptstadt-Bewegung hat dafür einen Anfang gemacht. Chemnitz 2025 hat bewiesen, dass die „kleinen Leute“ gar nicht so klein sind. Dass in der Summe der unterschiedlichen Lebenserfahrungen eine Weisheit liegt, die kein einzelner Experte ersetzen kann. Lassen wir uns also nicht einreden, wir seien zu dumm für Demokratie. Das Gegenteil ist der Fall: Wir sind die Experten unseres Lebens. Es wird Zeit, die Würfel rollen zu lassen. Für eine Gesellschaft, die nicht übereinander redet, sondern miteinander entscheidet.
Der Autor Boris Kaiser ist studierter Kultur- und Medienmanager. Er arbeitete für die Wirtschaftsförderung der Stadt Chemnitz und kandidierte 2024 bei den Stadtratswahlen für die Grünen. Er ist Mitinitiator der „Demokratiegenossenschaft“.Sie haben eine Meinung zum Thema? Schreiben Sie uns: [email protected] Wir diskutieren am 19. Februar um 17 Uhr mit Boris Kaiser im Livestream: Braucht unsere Demokratie neue Formen der Mitbestimmung? Folgen Sie der „Freien Presse“ auf Facebook oder Instagram und beteiligen Sie sich an diesem Tag live im Chat.