17/06/2026
🪞 Zwei Menschen sehen dasselbe Kind. Und erkennen sich kaum wieder.
Letzte Woche saß ich wieder in einem dieser Gespräche, die ich aus vielen Jahren Arbeit mit Familien und Kindern ...oder auch Freunden gut kenne. Zwei Erwachsene sprechen über denselben Jungen. Die eine sagt: „Er stört, er hält sich an keine Regel, er ist anstrengend." Der andere sagt: „Er braucht einfach mehr Bewegung, er lernt anders, das System ist für ihn zu eng."
Beide schauen auf dasselbe Kind. Beide haben, aus ihrer Sicht, recht.
Das hat mich wieder an einen Mann erinnert, dessen Arbeit mich seit meinem Studium begleitet: Paul Watzlawick, Kommunikationswissenschaftler und Therapeut am Mental Research Institute in Palo Alto. Seine vielleicht wichtigste Erkenntnis lässt sich überraschend einfach sagen: Was wir „die Wirklichkeit" nennen, ist nie das Ding selbst – sondern immer schon eine Deutung. Das Glas ist halb voll oder halb leer. Die Flüssigkeit darin ist exakt gleich viel. Erst die Bedeutung, die wir ihr geben, macht den Unterschied.
Ich finde, das gilt nicht nur für Gläser.
In meinem "BERUF", ja es ist wirklich eine Berufung oder/und im privaten Umfeld erlebe ich das praktisch täglich. Ein Kind, das in der Klasse als „auffällig" gilt, ist zu Hause vielleicht einfach „lebhaft" und im Sportverein „der Mutigste von allen". Niemand von den drei Erwachsenen liegt falsch. Jeder sieht einen anderen Ausschnitt derselben Person, durch eine andere Brille.
Oder denken wir an eine Frau, die mit nur einem Koffer ihr Heimatland verlässt und in ein fremdes Land mit einer völlig neuen Sprache zieht. Ist sie „schwach und hilfsbedürftig"? Ist sie „auf der Suche nach Glück"? Oder sieht der Mensch auf der Straße einfach „eine Frau mit einem Koffer"? Drei Blicke. Eine Person.
Was wollte ich eigentlich zeigen: ...dieselbe Frau in vier Zeitaltern – Steinzeit, Bronzezeit, Mittelalter, Gegenwart. Ihr Gesicht bleibt gleich. Was sich ändert, ist alles andere: die Kleidung, die Rolle, die Erwartung, die eine Zeit an sie stellt.
Was mir im Alltag hilft, ist eine einfache Frage, bevor ich ein Verhalten bewerte: Wessen Maßstab gilt hier eigentlich gerade? Und: Was würde ich sehen, wenn ich nichts über die Vorgeschichte wüsste? Diese Fragen lösen kein Problem. Aber sie schaffen einen kleinen Abstand. Und in genau diesem Abstand entsteht oft die Möglichkeit, anders miteinander zu sprechen.
Den ganzen Beitrag – mit Watzlawicks fünf Grundsätzen ganz einfach erklärt und dem Bild der vier Frauen – findet ihr hier:
👉 https://noahs-arche.blogspot.com/2026/06/die-vier-wirklichkeiten-von-watzlawick.html
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