13/07/2025
Glaube, Genossen und Gesellschaft
Mit spannenden Thesen zum Verhältnis von Sozialdemokratie und Religion trat der langjährige SPD-Bundestagsabgeordnete aus Pankow, Wolfgang Thiese, Ende Juni beim Berliner Arbeitskreis Christinnen und Christen in der SPD (AKC) auf. Zwar gehörten heute nicht einmal die Hälfte der Bürgerinnen und Bürger Deutschlands einer der großen christlichen Kirche an. Doch ohne das überdurchschnittliche Engagement der Christinnen und Christen für Gesellschaft und Demokratie, wäre unser Staat noch mehr unter Druck. Damit betonte der heute 81-Jährige, der von 1998 bis 2005 Bundestagspräsident und danach Parlamentsvize war, die Bedeutung von Religion.
Zugleich mahnte das langjährige Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken die christlichen Kirchen aber auch, bei ihrer Kernbotschaft des Evangeliums zu bleiben: Sonst machten diese sich überflüssig und würden nur „sozialer Dienstleister oder Moralagentur“.
Thierse stellte klar, dass der deutsche Staat zwar säkular und religiös neutral ist – „mit Gott ist kein Staat zu machen“, wie er augenzwinkernd bemerkte. Doch die Gesellschaft selbst sei weltanschaulich plural. „Neutralität des Staates bedeutet nicht, frei von Religion zu sein, sondern im Gegenteil: In einer offenen Gesellschaft müssen unterschiedliche Überzeugungen sichtbar sein dürfen“, sagte Thierse.
Ohne die Öffnung der SPD zu den Kirchen durch das Godesberger Programm (von 1959) und dem damit verbundenen „Abschied von der atheistisch geprägten Weltanschauungspartei“, hätte die Sozialdemokratie nie Wahlen auf Bundesebene gewinnen zu können. Heute bekennen sich rund drei Viertel der SPD-Mitglieder zu einer Religionsgemeinschaft – fast 70 % sind Christen. Damit ist die SPD zwar offiziell eine säkulare Partei, aber eben auch eine von christlichen Prägungen mitgetragene Volkspartei.