10/09/2026
Lesetipp im September - Lea Singer: Eine Frage des Formats
Lucien Freud, der bekannte britische Porträtmaler und Enkel Sigmund Freuds steckt Anfang der Zweitausender in einer Schaffenskrise. Was tun? Natürlich bei der Queen anfragen, ob er sie anlässlich ihres Krönungsjubiläums malen darf. Das fällt ihm schwer, denn um etwas zu bitten ist nicht sein Ding. Erstaunlicherweise sagt die Queen zu, allerdings werden Bedingungen gestellt: es gibt nur eine bestimmte Anzahl von zweistündigen Sitzungen, diese haben im St. James’s Palace stattzufinden. Was natürlich den Künstler erbost, das Licht dort sei nicht gut, nur eine bestimmte Anzahl an Sitzungen, wie soll das denn klappen, aber sei’s drum. Im Gegenzug akzeptiert die Queen seinen Wunsch, dass sie ein Diadem tragen soll. So nehmen die Begegnungen dieser bedeutenden, völlig unterschiedlichen Persönlichkeiten – er skandalumwittert und rücksichtslos, sie zurückhaltend und korrekt bis in die Haarspitzen - ihren Lauf. Zunehmend finden die beiden Protagonisten Gefallen an der gemeinsamen Zeit. Sie sprechen über Zeitgeschehen und Privates, im Fall der Queen natürlich immer diskret aber durchaus charmant und sehr gewitzt.
Die Sachbuchautorin und Kunsthistorikerin Eva Gesine Baur veröffentlicht unter ihrem Pseudonym Lea Singer Romane mit historischen Hintergründen. Dieser Titel erschien passend zum 100. Geburtstag der Queen und hebt die Entstehungsgeschichte des berühmt berüchtigten Bildes Anfang des neuen Jahrtausends auf ein sehr passendes Podest.
Für ihr außergewöhnliches Thema wählt Lea Singer außergewöhnliche Umsetzungen. So wird die Queen im Roman durchgehend die alte Dame genannt. In Einsprengseln kommen ihre Gedanken und Worte sowie die Lucien Freuds traumwandlerisch daher, das wirkt authentisch und nötigt dem Leser Aufmerksamkeit ab. Erstaunlich, wie gut die beiden harmonieren, vielleicht liegt es auch am Alter, er ist 78, sie 75 Jahre. Das Buch beleuchtet die historischen Fakten angemessen, ohne ansatzweise trocken zu sein. Der Autorin half, dass Freuds Assistent David Dawson die Entstehung des Bildes fotografisch festgehalten hat. Die Reaktionen auf das Bild nach der Veröffentlichung zum fünfzigjährigen Thronjubiläum spart Singer aus, für sie zählt allein das Aufeinandertreffen dieser beiden Menschen. Und auch Nebenpersonen wie Freuds Assistent oder die Hofdame der Queen werden stimmig geschildert und eingesetzt. Mit 159 Seiten kurz und knackig, unterhält dieser Roman alle Kunstinteressierten, Royal-Affinen und Liebhaber des besonderen Buchs buchstäblich aufs Königlichste.
Absolut empfohlen.
Hier finden Sie das Buch im Katalog der Stadtbibliothek
https://openopac.unna.de/Mediensuche?id=0367141