18/06/2026
Gerade noch hat das Kind friedlich gegessen oder gespielt, da beginnt es plötzlich heftig zu husten und wird panisch und unruhig. Möglicherweise ringt es nach Luft und man hört ein pfeifendes Geräusch beim Atmen. „Wahrscheinlich ist es zu einer Aspiration gekommen“, erklärt Dr. Rainer Blickheuser, Chefarzt der Abteilung Anästhesie der DRK-Kinderklinik Siegen und Notfallmediziner. „Das bedeutet, dass kleine Fremdkörper in die Luftröhre oder die Bronchien gelangt sind und dort den Luftstrom blockieren.“ Die Fremdkörperaspiration ist die achthäufigste Todesursache bei Kindern aller Altersklassen. Zwei Drittel der Kinder sind jünger als drei Jahre. Häufig handelt es sich um Erdnuss- oder Pistazienstücke, die aus dem Rachen in die tiefen Luftwege eingeatmet werden und dann zu den genannten Symptomen führen. „Aber auch Kleinspielzeugteile, andere Nahrungsmittel wie Möhren oder Weintrauben sowie sogar Nadeln finden wir immer wieder in den Bronchien von Kindern und Jugendlichen“, so Blickheuser. Bislang galten vor allem Kleinkinder als besonders gefährdet. Doch in den vergangenen Monaten beobachtet die DRK-Kinderklinik Siegen eine bedenkliche Entwicklung: Auch ältere Kinder und Jugendliche müssen immer häufiger wegen eingeatmeter Fremdkörper behandelt werden. „Erst kürzlich hatten wir mehrere Fälle von Jugendlichen, die Haarnadeln, Pinnwandstecker oder sogar ganze Spax-Schrauben eingeatmet haben“, berichtet Blickheuser. „Solche Gegenstände sind natürlich noch einmal riskanter, weil sie spitz oder scharfkantig sind und die Atemwege verletzen können.“
Diese Entwicklung hat mehrere Ursachen: Einerseits unterschätzen viele Eltern und Jugendliche die Gefahren, andererseits ist das Verhalten in der Pubertät oft experimenteller. „Jugendliche neigen dazu, Gegenstände im Mund zu halten – etwa beim Basteln, beim Hantieren mit Werkzeugen oder beim Frisieren“, erklärt der Chefarzt. „Wenn dann gehustet, gelacht oder eingeatmet wird, kann ein kleiner Moment ausreichen, damit ein Fremdkörper in die Luftröhre gelangt.“ In den allermeisten Fällen verhindert der natürliche Hustenreflex, dass ein Fremdkörper überhaupt in die tiefen Atemwege gelangt. „Hat er jedoch einmal die Stimmritze passiert – und das ist bei Kleinkindern leider nicht selten der Fall – kann es akut zu Atembeschwerden mit erheblicher Luftnot kommen“, betont Dr. Rainer Blickheuser. Wie brisant das Thema ist, zeigen die Zahlen: 2022 mussten in Deutschland über 1300 Kinder und Jugendliche im Alter von 0 bis 18 Jahren wegen einer Aspiration stationär behandelt werden. In der DRK-Kinderklinik Siegen sind es jährlich rund 20 Kinder und Jugendliche, die mit schwerer Aspiration durch das Team der Anästhesie-Abteilung endoskopisch versorgt werden müssen. „Das Einatmen von Fremdkörpern in die Atemwege kann lebensbedrohliche Komplikationen verursachen. Studien sprechen von einer Häufigkeit von bis zu 3,5 Prozent“, erläutert Blickheuser.