09/11/2020
Am 9. November 1938 fand die Reichspogromnacht statt.
Wir möchten - stellvertretend für alle ermordeten Juden - Ishais Urgroßvater, Isak Holzer, gedenken: An ihn erinnert dieser Stolperstein in der Weserstraße Neukölln.
Ishai Rosenbaum schreibt: "Mein heutiges Zuhause im Berliner Bezirk Neukölln liegt ca. 1,5 Kilometer entfernt von der Wohnung meines Urgroßvaters Yitzhak (Isak) Holzer in der Weserstraße 53. In den letzten Monaten verbrachte ich viel Zeit mit meinem Urgroßvater, oder genauer gesagt mit seiner Persönlichkeit, wie ich sie mir nach seinen Briefen vorstelle. In unserem Besitz befinden sich 22 Briefe, die er an seine beiden Töchter in Palästina / Erez-Israel sandte, nämlich an meine Großmutter F***y und ihre Schwester Ruth.
Ich stelle mir vor, wie er zur Synagoge (die nicht mehr existiert) in der Isarstraße ging, vielleicht am Rathaus Neukölln und seinem Uhrturm (die heute noch vorhanden sind) vorbei. Oder vielleicht nahm er einen etwas längeren Weg, und passierte die alte Post (die auch noch steht), eventuell sogar, um Briefmarken zu kaufen oder die Briefe an seine Töchter abzuschicken. Und vielleicht fuhr er an einem sonnigen Sonntag mit der Straßenbahn zum fernen Bezirk Weißensee, wo ich auch zwei Jahre lebte, zum Grab seiner verstorbenen Frau Rosa auf dem jüdischen Friedhof. Vor allem aber stelle ich mir vor, wie er am Tisch saß, vielleicht an demselben Tisch, an dem er auf den alten Bildern zu sehen ist. Mit einem Füllfederhalter in der Hand saß er über das Papier gebeugt und schrieb und schrieb.
Ich fühle mit ihm, mit diesem fremden, doch sehr vertrauten Mann in seinen Fünfzigern; seine Frau war nur wenige Jahre zuvor verstorben; seine beiden Töchter wanderten in ein fernes Land mit harten Lebensbedingungen aus, und er setzte irgendwie seine Routine fort, voller Sorge über die Gegenwart und voller Angst vor der Zukunft. Lichtblicke und kleine Glücksmomente gab es dennoch, wie die Geburt des ersten Enkels, nämlich meines Vaters Ze'ev (oder "Seewele", wie er ihn in seinen Briefen zärtlich nannte), oder die Nachricht über das Visum, das die Eltern seines Schwiegersohns Gerschon (meines Großvaters) erhielten. Er drückte auch Hoffnung aus, teils spiritueller Art ("in diesem Sinne wollen wir auf Gott vertrauen, der zu allen Zeiten uns Juden beigestanden hat wird uns auch jetzt nicht verlassen"), teils ganz irdisch, wie die Erwartung des gewünschten Visums, das es ihm ermöglicht hätte, sich wieder mit seinen Töchtern im britischen Mandatsgebiet Palästina zu vereinen.
Seine Briefe sind wie ein schmales Fenster, das mir Einblick in seinen Alltag gewährt: Es ist, als würde ich einen Film in Zeitlupe sehen, dessen Ende ich bereits kenne. Trotzdem bin ich fasziniert von den Bemühungen meines Urgroßvaters, den in Berlin übrig gebliebenen Besitz zu retten oder zu verkaufen; von seinem Umgang mit den Nachrichten von Verwandten und Freunden, die ebenfalls um ihr Überleben kämpften; von seinem Versuch, sich nach der Deportation in seine Heimatstadt dort neu einzuleben und zu arrangieren, bis die Finsternis kam, die sein Schicksal bis heute vor uns verbirgt.
Ich zog nicht nach Deutschland, um die Spuren meiner Vorfahren zu suchen (obwohl sie eigentlich der Grund sind, aus dem ich überhaupt hier leben darf), aber es dauerte nicht lange, bis ich sie fand, oder besser gesagt, bis sie mich fanden. Das Klischee ist richtig: Wer sich in Deutschland aufhält, kann der Vergangenheit nicht entrinnen. Sie findet sich an jeder Ecke, in Form von Denkmälern, Gedenk- und Stolpersteinen, von Städte-und Straßennamen und sogar völlig assoziativ in den Namen deutscher Bekannter und Freunde oder im Geräusch eines vorbeifahrenden Zuges. Und wenn es schon schwierig ist, von der allgemeinen Vergangenheit abzusehen, so ist es für mich fast unmöglich, meine eigene Familiengeschichte zu ignorieren, deren wichtigster Dreh- und Angelpunkt damals wohl Berlin war.
Knapp sechs Jahre nach meinem Umzug nach Berlin koordiniere ich nun die Verlegung eines Stolpersteins zum Gedenken an Isak Holzer, beauftrage die Restaurierung des Grabsteins meiner Urgroßmutter Rosa, organisiere für alle Mitglieder der Großfamilie eine Gedenkfeier in Berlin, führe faszinierende Gespräche mit unserem “Familienhistoriker” (auch bekannt als Onkel Yossi), und versuche dabei ständig, mir ein Bild von meinem Urgroßvater Isak und den beiden Mädchen, die später Oma F***y und Großtante Ruth werden sollten, zu machen.
An dieser Stelle möchte ich mich ganz herzlich bei meinem Onkel Joseph (Yossi) Rosenbaum bedanken, der geduldig und unermüdlich Dokumente sammelte, Archive durchsuchte, im Internet recherchierte, Informationen verglich, die Familiengeschichte zutage förderte und uns allen ein wertvolles Geschenk machte: die Kenntnis, woher wir stammen.
Ishai Rosenbaum ©
Berlin-Neukölln, April 2019
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Ishai ist Mitglied im Landesverband Berlin und antwortete auf die Frage, warum er vegan lebe: "Weil ich kein Ar*****ch bin!"
Wir müssen ALLE immer darauf achten, dass so ein furchtbares Verbrechen NIE wieder passiert! Gebt Rechten und N***s und jeder Art von Gewalt keine Chance!
https://www.stolpersteine-berlin.de/de/biografie/8796
Isak Holzer wurde 1885 in Tarnow (heute: Tarnów / Polen), geboren, das damals unter österreichisch-ungarischen Herrschaft stand. 1905 verließ er seine Heimat und wanderte nach Berlin aus, wo er die ebenfalls in Tarnow geborene Rosa Klein kennenlernte und heiratete. Als Staatsangehöriger des öst...