14/06/2021
Szenen vom Hof Brechmann (10)
Familie Brechmann 1932:
Alle Vorfahren auf diesem Foto (vermutlich Fotograf Hörster) sind nicht mehr am leben, bis auf unsere Tante Thea Brechmann - stehend, mit der Hand auf dem Schoß ihrer Mutter Anna.
Obere Reihe v.l.:
Lene (Helene) - heiratete 1949 den Bauern und Brennereibesitzer Heinrich Spexard.
August, unser Vater - übernahm nach dem Tod des Vaters Ferdinand 1943 den Hof. Eigentlich galt in dieser Gegend Westfalens das Jüngstenrecht (laut dem Anthropologen E. Bornemann das Überbleibsel einer matriarchalen Gesellschaftsform. Da auf dem Hof eher die Frauen "die Hosen anhatten" könnte das passen). Aber durch den Krieg und weil die jüngeren Geschwister bald studierten bekam er den Hof. 1947 heiratete er Ferdinande Spexard (Schwester von Heinrich Spexard), unsere Mutter.
Tini (Christine) - wurde Haushälterin bei ihrem Bruder, Prälat Heinrich Brechmann.
Heinrich Brechmann, 1935 zum Priester geweiht. In den letzten Lebensjahrzehnten Prälat in Wiedenbrück.
Gerhard - lernte Elektriker, wollte Ingenieur werden, ist 1944 im Krieg gefallen.
Leopold - hatte zusammen mit August die landwirtschaftliche Schule besucht. Vermutlich wegen einer langen Lungenentzündung als Kind hatte er sein Leben lang mit Asthma und Husten zu tun (COPD).
Hedwig - heiratete 1944 den Sparkassenrendanten August Hölting.
Josef - studierte Theologie, ist 1941 im Krieg gefallen.
Edmund - studierte auch, heiratete 1957 in Hamm wo er später Gymnasialdirektor wurde.
Vorne: Thea (Theresia) Brechmann, unverheiratet, lebte und arbeitete auf dem Hof. Mit 88 Jahren zog sie in das Seniorenheim Caravita. Sie feierte im Mai 2021 ihren 97sten Geburtstag.
Mutter Anna, geborene Kipshagen geb. 1878 und Vater Ferdinand geb. 1866.
Ihre Tochter Elisabeth fehlte in der Runde, sie war 1929 mit 19 Jahren an einer Infektion gestorben.
Es war üblich, dass die jungen Frauen die einjährige Hauswirtschaftschule besuchten. Die Jungmänner machten eine Ausbildung oder besuchten das Gymnasium.
In den 20er und 30er Jahren gab eine katholische Sturm- und Drangbewegung. Nach Geschlechtern getrennt trafen sich die Jungfrauengruppen und die Jungmännergruppen. Man sang, tanzte, spielte, oder diskutierte. Manchmal ging es auch gemeinsam auf Fahrt.
Die Jungs waren z.B. bei der Sturmschar oder ND Bund Neudeutschland (nahm nur männliche Akademiker auf). Es ging um christliche Erneuerung, Gemeinschaft, Vertiefung des Glaubens, Besinnung auf das Ur-Christentum. Man wanderte und baute Zeltlager. Jede lokale Gruppe hatte einen Führer, Banner mit christlichen Symbolen und man grüßte sich mit Heil. Schon 1933 wurden aber die Fahnen und Versammlungen untersagt. Es sollte nur noch eine Flagge geben, die mit den komischen Haken und gleich massenhaft und überall. Schließlich wurden alle Gruppen verboten, die nicht HJ oder BDM waren.
Die ganze Familie unterstützte den Bau des Jugendheimes, wo sich die katholischen Jugendgruppen treffen konnten. Der Grundstein wurde am 18.9.1932 gelegt. Im Januar 1935 wurde es eingeweiht.
Josef war ein glühender Theologiestudent: „Es kommt nun darauf an, ob wir die von Gott gestellte Aufgabe erfüllen. ... Wer diese Aufgabe erfüllt, dem wird das höchste Glück zu Teil werden, die ewige Seligkeit“.
Er wollte möglichst bald in den Krieg ziehen gegen die gottlosen Bolschewiken. Da Theologen keine Karriere in der Armee machen durften (soweit ich weiss), waren er und sein Bruder Heinrich einfache Soldaten. Josef starb im August 1941 an der Ostfront.
Zwischen den 10 Geschwistern und ihren Eltern gab es ein enges Band. Das geht aus rund 1.500 Briefen hervor die sie untereinander austauschten. Unser Vetter Bernhard Spexard hat den grössten Teil der Briefe abgeschrieben. Die meisten sind in Sütterlin verfasst.