20/09/2025
Redebeitrag des Integrationsbeirates der Stadt Regensburg auf der Auftaktkundgebung zum 50 jährigen Jubiläum der Interkulturellen Wochen 🌍
Mit dem Motto „dafür“ – fünf Jahrzehnte voller Begegnungen, Austausch und gelebter Solidarität.
Sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin Maltz-Schwarzfischer,
Liebe Regensburgerinnen und Regensburger,
liebe Freundinnen und Freunde,
liebe Mitstreiterinnen und Mitstreiter,
herzlich willkommen zur Auftaktkundgebung der Interkulturellen Wochen 2025.
Das diesjährige Motto lautet schlicht und kraftvoll: „Dafür.“
Ein kleines Wort – aber ein großes Bekenntnis. Dafür, dass Menschen unabhängig von Herkunft, Sprache, Hautfarbe, Religion oder Aufenthaltsstatus in unserer Gesellschaft gleichberechtigt zusammenleben können. Dafür, dass Vielfalt kein Problem ist, sondern eine Stärke. Dafür, dass wir uns nicht spalten lassen, sondern gemeinsam stark sind.
Und gerade in diesem Jahr braucht es solche Signale mehr denn je.
Wir erleben, wie die politische Stimmung in unserem Land rauer wird. Im letzten Bundestagswahlkampf wurden Geflüchtete und Migrant*innen gezielt instrumentalisiert – nicht als Teil der Gesellschaft, sondern als Problem. Damit wurde nicht nur Angst geschürt, sondern auch von den eigentlichen Herausforderungen abgelenkt: Kinderarmut, Bildungsungleichheit, Wohnungsnot, Altersarmut, die Überlastung des Gesundheitssystems und wachsende soziale Ungleichheit. Nach der Wahl hat die neue Bundesregierung diese Logik nicht gebrochen, sondern verstärkt: schnellere Abschiebungen, gekürzte Leistungen, Arbeitsverbote, schlechtere Unterbringung und Einschränkungen beim Familiennachzug. Was noch vor wenigen Jahren rechte Parolen waren, ist heute Regierungshandeln. Die Botschaft ist deutlich: Wer Schutz sucht, soll abgeschreckt werden.
Diese Politik verletzt nicht nur den Geist des Grundgesetzes, sondern auch die internationalen Menschenrechtsstandards, die wir uns nach 1945 gegeben haben. Menschenrechte sind unteilbar – sie gelten für alle. Ob jemand hier geboren ist oder vor kurzem angekommen ist, darf nicht über seine Würde entscheiden.
Genau hier setzen die Interkulturellen Wochen einen Gegenakzent: Wir sagen nicht „dagegen“, wir sagen „dafür“. Dafür, dass Familien zusammengehören. Dafür, dass soziale Gerechtigkeit alle meint – nicht nur diejenigen mit deutschem Pass. Dafür, dass Zugehörigkeit nicht an Herkunft, Namen oder Hautfarbe gebunden ist. Dafür, dass niemand Angst haben muss – weder in seiner Unterkunft noch im Alltag.
Und wir sagen auch: dafür, dass alle Menschen, die hier leben, auch politisch mitbestimmen dürfen. Es ist höchste Zeit für ein kommunales Wahlrecht für alle, die ihren Lebensmittelpunkt seit Jahren und Jahrzehnten in dieser Stadt haben. Demokratie heißt Teilhabe – und Teilhabe darf nicht am Pass enden.
Liebe Freundinnen und Freunde, dieses Jahr ist ein besonderes Jubiläumsjahr: 50 Jahre Interkulturelle Wochen. Dahinter steht eine lange Geschichte des Ringens um Anerkennung, Teilhabe und Menschenwürde. Seit fünf Jahrzehnten bauen die Interkulturellen Wochen Brücken, schaffen Räume der Begegnung und machen deutlich: Unterschiedlichkeit ist keine Bedrohung, sondern eine Bereicherung für alle.
Und auch in Regensburg haben wir Grund zum Feiern: Seit 10 Jahren gibt es den Integrationsbeirat– als demokratisch gewählte Vertretung der Menschen mit internationaler Herkunft in dieser Stadt. Er ist die Stimme vieler Menschen, die selbst keine politische Teilhabe haben, und macht sichtbar, was sonst oft übersehen wird.
Während die Wochen Begegnung, Austausch und Sichtbarkeit schaffen, bringt der Beirat Themen wie die Bekämpfung von Diskriminierung und Rassismus, das kommunale Wahlrecht für alle, gleichberechtigte Repräsentation und Teilhabe in die politische Debatte ein – klar, laut und beharrlich.
Der Integrationsbeirat ist unbequem, und das ist gut so.
Er hat konkrete Veränderungen angestoßen oder gefordert: zum Beispiel
• die Einrichtung einer städtischen Antidiskriminierungsstelle,
• die Forderung nach einem Haus der Kulturen,
• die kritische Auseinandersetzung mit belasteten Straßennamen,
• und immer wieder den Ruf nach mehr politischer Mitbestimmung.
Der Beirat steht damit für Sichtbarkeit, für Gerechtigkeit und für echte Teilhabe. Er macht deutlich: Integration ist kein Geschenk. Integration, echte Teilhabe und Mitbestimmung ist ein Recht. Und sie ist keine Einbahnstraße, die Anpassung verlangt, sondern ein gemeinsamer Prozess des gegenseitigen Anerkennens, Gestaltens und des sich Veränderns.
Umso wichtiger ist es, dass wir zusammenhalten und laut sagen: Wir lassen uns nicht gegeneinander ausspielen. Wir wollen eine Gesellschaft, in der Vielfalt nicht verwaltet, sondern gelebt wird. Eine Gesellschaft, in der Behörden verständlich kommunizieren, Schulen Mehrsprachigkeit als Schatz begreifen, Arbeitsplätze diskriminierungsfrei sind, Gesundheitsdienste kultursensibel handeln und Kultur Brücken baut statt Mauern.
Und dafür braucht es Mut, Haltung und Solidarität. Genau das verkörpern die Interkulturellen Wochen seit 50 Jahren – und der Integrationsbeirat seit 10 Jahren.
Das alles klingt nach einer großen Vision – und das ist es auch. Aber es beginnt im Kleinen, hier bei uns, in Regensburg. In unseren Nachbarschaften, in unseren Schulen, in unseren Vereinen.
Die nächsten Jahre fordern Mut, Haltung und Zusammenarbeit. Wir müssen Haltung zeigen – gegen Rassismus, gegen Diskriminierung, gegen das Auseinanderdividieren unserer Gesellschaft. Und wir brauchen Solidarität – die Bereitschaft, füreinander einzustehen, gerade in schwierigen Zeiten.
Die Interkulturellen Wochen sind seit 50 Jahren ein Ort, an dem genau das möglich ist: Begegnung, Austausch, Diskussion, Kultur, gelebte Solidarität. Ein Ort, an dem wir nicht über „die anderen“ reden, sondern miteinander.
Wir sind dieses Jahr besonders stolz, denn gemeinsam mit unseren Kooperationspartnerinnen haben wir zum 50. Jubiläum ein vielfältiges Programm mit 39 Veranstaltungen auf die Beine gestellt.
Unser Dank gilt ausdrücklich allen Kooperationspartnerinnen, deren Engagement dafür sorgt, dass Offenheit, Respekt und Teilhabe unser Zusammenleben prägen und stärken.
Besonders danken möchten wir BMW Regensburg für die finanzielle Unterstützung als Sponsor der Interkulturellen Wochen und der Oberbürgermeisterin als Schirmherrin der Wochen. Sie setzen damit ein klares Zeichen dafür, dass unsere Stadt für Vielfalt, Teilhabe und Solidarität steht.
Abschließend unser Aufruf an alle Regensburgerinnen und Regensburger:
Lassen Sie uns diese Wochen nutzen, um deutlich zu machen, wofür wir stehen:
Für ein Regensburg, in dem Herkunft kein Hindernis ist.
Für eine Gesellschaft, in der Menschenrechte unteilbar gelten.
Für ein „Wir“, das wirklich alle meint.
Und lassen Sie uns gemeinsam stark sein, damit die Stimme für Menschenrechte, für Vielfalt und für Gerechtigkeit nicht nur gehört, sondern auch politisch wirksam wird.
Denn am Ende geht es um nichts weniger als um die Frage: In welcher Gesellschaft wollen wir leben? In einer, die spaltet und ausgrenzt? Oder in einer, die anerkennt, dass wir alle Teil derselben Geschichte sind?
Ich bin überzeugt: Wir entscheiden uns dafür – dafür, dass alle dazugehören.
Vielen Dank.