22/02/2026
„Brave, herrliche junge Menschen – ihr sollt nicht umsonst gestorben sein.”
Thomas Mann, BBC-Rundfunkansprache, 1943.
Heute vor 83 Jahren, am 22. Februar 1943, wurden Sophie Scholl, Hans Scholl und Christoph Probst hingerichtet. Der Volksgerichtshof brauchte für das Urteil keine Stunde. Die Guillotine fiel dreimal am selben Nachmittag.
Ich möchte heute besonders an Christoph Probst erinnern. Er ist derjenige, dessen Name am häufigsten fehlt, wenn von der Weißen Rose gesprochen wird.
Probst war 23 Jahre alt. Vater von drei Kindern – das jüngste gerade vier Wochen alt. Ein Student der Medizin, der Menschenleben retten wollte. Er hatte einen letzten Brief an seine Mutter geschrieben. Die N***s ließen ihn nicht abschicken.
Christoph Probst hatte mehr zu verlieren gehabt als die meisten. Eine junge Familie. Eine Zukunft als Arzt. Er hätte Gründe gehabt zu schweigen. Er schwieg nicht. Er schrieb, er dachte, er widerstand – in einer Zeit, in der Widerstand den Tod bedeutete.
Die Weiße Rose war keine große Organisation. Es waren Studierende, die Flugblätter schrieben und verteilten. Die an Gewissen appellierten, in einer Gesellschaft, die ihr Gewissen weitgehend abgegeben hatte. Die fragten: Wie lange wollt ihr noch zusehen?
Thomas Mann hörte die Nachricht im amerikanischen Exil und sprach sie in seinen BBC-Sendungen in die Welt – einer der wenigen Wege, wie Wahrheit damals noch zu den Menschen dringen konnte, die hören wollten.
Ich schreibe das heute nicht nur als Mahnung an die Vergangenheit.
Ich schreibe es als Vorsitzender der SPD Menden – weil Faschismus kein abgeschlossenes Kapitel der Geschichte ist.
Weil wir erleben, wie demokratische Institutionen in vielen Ländern systematisch geschwächt werden. Wie Minderheiten zu Sündenböcken gemacht werden. Wie Lügen so laut und so oft wiederholt werden, bis sie wie Wahrheiten klingen. Wie Zivilcourage als Naivität gilt – und Mitläufertum als Pragmatismus verkauft wird.
Wir sehen das nicht nur im Ausland. Wir sehen es hier, in Deutschland, wenn eine Partei, die vom Verfassungsschutz als gesichert rechtsextremistisch eingestuft wird, zur stärksten Kraft aufsteigt. Wenn die Brandmauer fällt – nicht mit einem lauten Knall, sondern Stimme für Stimme, Kompromiss für Kompromiss.
Faschismus kommt selten mit dem Gesicht, das wir aus den Geschichtsbüchern kennen. Er kommt mit dem Versprechen von Ordnung und Stärke. Er gedeiht dort, wo Menschen schweigen – weil sie Angst haben, weil sie bequem sind, weil sie denken: Es wird schon nicht so schlimm werden.
Die Menschen der Weißen Rose haben gedacht und gehandelt, als Denken gefährlich und Handeln tödlich war. Sie waren keine Superhelden. Sie waren junge Menschen – mit Zweifeln, mit Angst, mit Familie und Zukunftsplänen. Und sie haben trotzdem gehandelt.
Was können wir tun? Eintreten für Menschenwürde, auch wenn es unbequem ist. Widersprechen, wenn Demokratiefeinde salonfähig gemacht werden. Wählen gehen. Zivilgesellschaft stärken. Und niemals glauben, dass Engagement im Kleinen – in Menden, in unserem Sauerland, in unserer Nachbarschaft – keine Wirkung hätte.
Jede Demokratie ist nur so stark wie die Menschen, die bereit sind, für sie einzustehen.
Thomas Mann hatte recht: Sie sollen nicht umsonst gestorben sein.
Das liegt an uns.
Mirko Kruschinski
Vorsitzender SPD Menden