08/06/2026
Stratosphärenkanone- Parisgeschütz
Es ist 7:18 Uhr am 23. März 1918 morgens, am Quai de la Seine 6 im Nordosten von Paris wird alles von einem ohrenbetäubenden Knall zerrissen: Eine gewaltige Explosion zerstört die Stille des Morgens und löst Chaos und Schrecken unter den Passanten aus. Als sich Rauch und Staub verziehen, liegt niemand mehr am Boden, keine Toten oder Verletzten; nur die Angst bleibt. Plötzlich, an einem scheinbar friedlichen Frühlingsmorgen, bricht in Paris Chaos aus. Niemand versteht, was geschehen ist: ein Gasleck? Die Explosion eines Munitionsdepots? Niemand hat Zeit, viele Fragen zu stellen, bevor innerhalb von 15 Minuten eine weitere gewaltige Explosion einen anderen Teil der Stadt verwüstet und diesmal acht Menschenleben fordert, dann noch eins, und noch eins, und noch eins. Niemand versteht mehr irgendetwas. Vom Himmel, den viele mit Misstrauen beäugen, herrscht Stille; kein Bomber, kein Luftschiff ist zu hören. Doch dann, plötzlich: BUMM!, eine weitere Explosion, aus dem Nichts kommend und wieder im Nichts verschwindend.
Von 7:18 Uhr morgens bis 15:00 Uhr nachmittags am 23. März 1918 wird Paris 20 Mal getroffen, ununterbrochen und pünktlich alle 15 Minuten. Es dauert eine Weile – die Zeit, die man braucht, um die Splitter aufzusammeln –, bis man begreift, dass die Stadt von monströsen Artilleriegranaten mit einem Kaliber von mindestens 208 mm getroffen wird.
So wurde das Parisgeschütz wahrgenommen. Es war eine der außergewöhnlichsten und zugleich umstrittensten Waffen des Erster Weltkriegs. Es wurde in der Endphase des I. Weltkrieges vom Deutschen Kaiserreich eingesetzt, um die französische Hauptstadt Paris aus einer bisher unerreichten Entfernung zu beschießen. Mit einer Reichweite von über 130 Kilometern galt das Geschütz als technische Sensation seiner Zeit.
Die sehr große Reichweite des von Krupp beruhte auf einer ballistischen Besonderheit. Mit einem hohen Abgangswinkel von bis zu 55°, einer sehr starken Treibladung und dem überlangen Rohr konnte die Gipfelhöhe in den oberen Teil der Stratosphäre in etwa 38 bis 40 km Höhe gelegt werden. Dadurch flog das Geschoss lange durch sehr dünne Luftschichten, so dass die Flugbahn weitgehend der eines Schusses im luftleeren Raum glich. Alle anderen im Ersten Weltkrieg verwendeten Ferngeschütze erzielten eine Reichweite von „nur“ etwa 40 km. Die überlange Konstruktion wurde durch ein charakteristisches hängebrückenartiges Spannwerk gegen Durchhängen geschützt. Dieses Geschützrohr wurde als „Kaiser-Wilhelm-Rohr“ bezeichnet. Es verschoss Sprenggranaten von 106 Kilogramm Masse (Sprengladung etwa 7 kg) mit einer ballistischen Haube und einer Mündungsgeschwindigkeit von bis zu 1645 Metern pro Sekunde. Durch die enorme Abschussenergie der Treibladung mit einer Temperatur von 2.000 °C und einem Gasdruck bis zu 4.800 bar wurde das Geschützrohr beim Schießen regelrecht ausgezehrt. Bei jedem Schuss vergrößerte sich das Kaliber etwas, was mittels nummerierter Granaten mit entsprechend steigendem Durchmesser und einer ständigen Steigerung der Treibladung ausgeglichen werden musste.
Militärisch hatte das Parisgeschütz jedoch nur begrenzten Nutzen. Die Treffgenauigkeit war gering, die Sprengmasse recht klein und die dadurch verursachten Schäden nur gering im Verhältnis zum Aufwand.
Die Waffe sollte eine starke psychologische Wirkung auf die französische Bevölkerung ausüben. Sie sollte Angst verbreiten und die Moral der französischen Bevölkerung schwächen. Das wurde jedoch nicht erzielt.
In der WTS ist ein Maßstabsmodell im Großgerätebereich ausgestellt.
Quelle:
(1) Wikipedia:21 cm Kanone in 38 cm Schießgerüst- Parisgeschütz https://de.wikipedia.org/wiki/Lange_21-cm-Kanone_in_38-cm-Schie%C3%9Fger%C3%BCst_%E2%80%9EParis-Gesch%C3%BCtz%E2%80%9C
(2) YouTube: Parisgeschütz https://www.youtube.com/watch?v=xEZY1qCLdC4
Bilder
(1) Parisgeschütz in der WTS, povidl, 2017, gemeinfrei
(2-3) Parisgeschütz in der Erprobung
(4-5) Zeitgenössische Dokumentation zum Einsatz am 23. März 1918
(6) Geschütz und Bedienungsmannschaft
(7-14) Detailaufnahmen des Modells des Parisgeschütz in der WTS https://www.soldatini.eu/2019/04/the-paris-gun-paris-geschutz-scale.html