07/09/2026
„Ich habe eben Autismus!“
Wir hören diesen Satz zunehmend.
Prominente Menschen sprechen öffentlich über ihre Diagnose, Autismus ist Thema in Podcasts, Interviews und sozialen Netzwerken. Grundsätzlich ist es gut, wenn Autismus sichtbar wird.
Sichtbarkeit kann aufklären und Vorurteile abbauen. Trotzdem beobachten wir diese Entwicklung mit gemischten Gefühlen, denn in unserer täglichen Arbeit erleben wir auch eine andere Seite.
Wir erleben erwachsene autistische Menschen, die sehr genau überlegen, ob sie ihrem Arbeitgeber ihre Diagnose mitteilen. Aus Sorge, anschließend anders betrachtet zu werden.
Eltern fragen sich, wem sie die Diagnose ihres Kindes anvertrauen und welche Konsequenzen diese Information irgendwann haben könnte.
Gleichzeitig gibt es Menschen, die ihre Diagnose dringend benötigen. Weil sie ihnen endlich eine Erklärung für viele Erfahrungen ihres Lebens gibt und den Zugang zu notwendiger Unterstützung ermöglichen kann.
Deshalb irritiert uns eine öffentliche Erzählung, in der Autismus manchmal fast wie eine interessante Besonderheit, eine „Superkraft“ oder eine Erklärung für sämtliche Eigenarten erscheint.
Autismus ist kein Trend.
Eine Diagnose ist kein Lifestyle-Label.
Sie ist kein Freifahrtschein für jedes Verhalten und macht einen Menschen nicht interessanter.
Eine gute Diagnose kann etwas viel Bedeutenderes leisten:
Sie kann einem Menschen helfen, sich selbst zu verstehen.
Vielleicht sollten wir deshalb weniger darüber sprechen, wer öffentlich verkündet, autistisch zu sein und mehr darüber, warum andere Menschen noch immer genau überlegen müssen, wem sie ihre Diagnose anvertrauen.
Erst wenn ein Mensch sagen kann: „Ich bin autistisch!“ ohne befürchten zu müssen, dass ihm anschließend weniger zugetraut wird, haben wir gesellschaftlich wirklich etwas erreicht.
Bis dahin sollten wir die Lebensrealität hinter dem Label nicht vergessen.
Autismus ist nicht das, was gerade gut in eine Schlagzeile passt.
Autismus ist Teil des Lebens realer Menschen.
Diese Menschen verdienen mehr als ein Etikett.