21/10/2024
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Frauenhass und Gewalt gegen Frauen – ein Männerrecht?
Auszüge aus dem neuen Buch „Unversehrt. Frauen und Schmerz“ von Eva Biringer
Im Internet haben Menschen die Möglichkeit, sich zu solidarisieren und zu vernetzen, dort können, siehe MeToo und Arabischer Frühling, Revolutionen entstehen. Leider ist es aber auch ein Nährboden für Gewalt aller Art. Oft trifft es Frauen. Den Vereinten Nationen zufolge sind 73 Prozent von ihnen mit Hass im Netz konfrontiert. Eine ist die US-Autorin Olivia Laing, deren Suche nach zwischenmenschlichem Kontakt in einem Onlineforum grauenhafte Züge annimmt: „Zweimal postete ich eine Anzeige bei Craigslist. Die erste, geschrieben noch während meiner Zeit in Brooklyn Heights, war äußerst spezifisch und zog hauptsächlich zornige Männer an oder Männer, die dann sehr schnell zornig wurden. Blöde F***e verreck doch du Sc****pe du wirst noch darum betteln vergewaltigt zu werden, lautete eine Antwort, eine E-Mail, die sich anfühlte wie ein Faustschlag auf den Solarplexus, eine kleine, misogyne Explosion in dem sehr viel größeren Krieg gegen Frauen, der im Netz ausgetragen wird. Ich schrieb nicht zurück.“ [...]
„Weiblichkeit in der brutalst möglichen herkömmlichen Form ist ein einziges unaufhörliches Verschwinden und Zum-Schweigen-Gebracht-Werden, um mehr Raum für Männer zu schaffen, Raum, in dem allein die Existenz der Frau als Aggression und ihre Nichtexistenz als höfliches Entgegenkommen begriffen wird.“ So schätzt Rebecca Solnit die Lage ein. Bekannt wurde die US-Autorin durch ihren Essay „Wenn Männer mir die Welt erklären“, in welchem sie die These vertritt, dass bereits das Absprechen einer eigenen Meinung oder die Behauptung von Unglaubwürdigkeit eine Form von Gewalt ist beziehungsweise dieser den Weg bereitet. [...]
Es ist paradox: Frauen sollen attraktiv sein, sonst werden sie ausgeschlossen oder zumindest sprachlich abgewertet, aber auch nicht zu attraktiv. Sie sollen sich ansprechend anziehen, aber nicht aufreizend, sollen sich an Bartresen als Objekt der Begierde präsentieren, aber nachts nicht allein unterwegs sein. Vor allem sollen sie sich nicht dem männlichen Besitzanspruch widersetzen, weil ihnen sonst dasselbe Schicksal droht wie Solnits Freundin oder der ermordeten Wiener Kioskbesitzerin. In vielerlei Hinsicht müssen Frauen büßen. Für ihre bloße Existenz samt der überirdischen Verführungskraft, der sich der angeblich so starke Mann einfach nicht entziehen kann. Auch hierzulande entscheidet die Länge eines Minirocks mitunter über die Glaubwürdigkeit eines Vergewaltigungsopfers. [...]
Genau genommen sind die Angehörigen der Mannosphäre, wie das antifeministische Netzwerk genannt wird, total schwach. Sie fühlen sich ungeliebt, in ihrem Stolz gekränkt und auf dem gesellschaftlichen Abstellgleis. An allem ist der Feminismus schuld, der aus willigem Fickmaterial eigensinnige Emanzen gemacht hat. Anstatt ihr Verhalten an die Bedürfnisse jener anzupassen, die sie erobern wollen – denn insgeheim sehnen sich viele Incels nach einer ernsten Beziehung –, reagieren sie wie kleine Jungs, denen man ihr Spielzeug wegnimmt. Mit dem Unterschied, dass Jungs nicht mit dem Maschinengewehr rumballern oder mit Autos in Menschenmengen rasen, wie jener Kanadier, der vor seiner Tat verkündete: „Die Incel-Rebellion hat begonnen.“ [...]
Die voranstehenden Textpassagen sind ein Vorabdruck aus Eva Biringer Buch „Unversehrt. Frauen und Schmerz“, das am 22. Oktober 2024 bei HarperCollins erscheint (256 Seiten, 22 Euro).
Fotos: Buchcover von „Unversehrt. Frauen und Schmerz“Quelle: HarperCollins
Autorin Eva Biringer (Copyright: Vincent Bauer/HarperCollins)