26/07/2021
☁️ Demut ☀️
"Jede Familie darf ihren eigenen Weg gehen" - das sagt sich so leicht, und lebt sich so schwer. Und es stimmt ja: nicht alles, was Eltern mit ihren Kindern machen, ist gleich gut und gleich richtig. Wie sollten wir also nicht urteilen, wenn andere in unseren Augen lauter Fehler machen?
Aus eigener Erfahrung weiß ich, wie leicht wir gerade als Eltern, die sich selbst viel informieren und reflektieren, ins Verurteilen verfallen. Weil wir so viel wissen, maßen wir uns an, über andere zu urteilen: Klar hätte diese Mutter mit der richtigen Begleitung stillen können. Logisch wäre hier das Familienbett die Lösung! Kein Wunder, dass dieses Baby so viel schreit, wenn seine Eltern es auch nicht tragen. Und warum geben die überhaupt schon einen Schnuller?
Himmel, was habe ich früher im Stillen für mich über andere Eltern und ihre Entscheidungen gedacht. Wie verbissen ich war, und wie engstirnig. Pulvermilch hätte es für mich nur auf Rezept gegeben, in der Apotheke. Babys hinzusetzen, bevor sie selbst sitzen können, hielt ich für Kindesmisshandlung. Einen Beikoststart vor dem abgeschlossenen sechsten Lebensmonat hätte ich am liebsten verboten. Und rauchende Schwangere zur Abstinenz von allem Tabak gezwungen. 🙈🙈🙈
Viel zu oft war damals für mich der Satz, dass jede Familie ihren eigenen Weg finden darf, nicht mehr als eine Floskel: Sagt man so, ist höflich und nett, aber wenn Eltern den falschen Weg wählen, ist der halt trotzdem Mist.
Zum Glück wurde ich von dieser Selbstgerechtigkeit gründlich geheilt: von meinen eigenen Kindern, vor allem von meinem gefühlsstarken Kind. Aber auch durch Begegnungen mit so unterschiedlichen Menschen, die mir zeigten, wie unglaublich bunt und vielfältig gutes, stimmiges, verantwortungsvolles Familienleben aussehen kann.
Die bedingungslose Akzeptanz ganz unterschiedlicher Wege, Elternschaft zu leben, ist für mich heute keine Floskel mehr, sondern eine tiefe Grundüberzeugung. Und die reicht sehr, sehr weit.
Welche Entscheidung Eltern auch immer treffen: ich suche nicht mehr nach dem Fehler, sondern nach dem Grund.
Das ist es, was ich Demut nenne.