22/12/2022
Wir erinnern heute an einen bedeutenden Zeitzeugen mit einer besonderen Geschichte: Wolfgang Leopold Lauinger (1918-2017). Der Frankfurter, der im Nationalsozialismus aus gleich drei Gründen verfolgt wurde – als Swingkid, Homosexueller und sogenannter „Halbjude“ – verstarb heute vor fünf Jahren.
Wolfgang Lauinger wurde als Sohn des jüdischen Journalisten Artur Lauinger und dessen christlicher Ehefrau Mathilde im schweizerischen Zürich geboren. Bis zur Scheidung der Eltern im Jahr 1924 wuchs er in Frankfurt-Bockenheim heran, später lebte er mit seinem Vater im Westend. Dieser wurde, obgleich er seit 1906 für die Frankfurter Zeitung als Wirtschaftsredakteur tätig war, 1937 als Jude entlassen. Zusammen mit seiner zweiten Frau emigrierte er 1939 nach London. Lauinger, der zuvor gemustert worden war und nach den Vorstellungen des Vaters seine „staatsbürgerliche Pflicht“ erfüllen und in der Wehrmacht dienen sollte, blieb in Deutschland zurück. 1940 wurde er eingezogen und zum Funker ausgebildet, kurz darauf erhielt er jedoch den Bescheid, dass er als „Mischling ersten Grades“ in der Wehrmacht nicht mehr tragbar sei und wurde entlassen.
Um diese Zeit gehörte Lauinger dem „Harlem-Club“ an: einem losen Zusammenschluss von etwa 30 jungen Männern und Frauen, dessen zentraler Treffpunkt das „Café Goetheplatz“ war. Dort war es ihnen erlaubt, ihre Schallplatten mitzubringen und im Lokal aufzulegen. Es war vor allem Swingmusik, von den N***s als „artfremd“, „zersetzend“ und „fremdrassig“ gestempelt, die die jungen Leute verband. Sie tanzten, so Lauinger „buchstäblich aus der Reihe.“
Ende 1941 wurde Lauinger in das Polizeigefängnis in der Klapperfeldstraße eingeliefert und von dort aus mehrfach von der Gestapo vernommen, die versuchte, ihm ein Geständnis „homosexueller Ausschweifungen“ abzupressen, was ihr jedoch nicht gelang. 1942 wurde er schließlich wegen des Besitzes von einem Stück Leder und wegen Glücksspiels zu drei Monaten Haft verurteilt.
1950 wurde Lauinger abermals verhaftet. Bis Anfang 1951 gab es ca. 100 Verhaftungen und 75 Anklagen, insgesamt sollen über 700 Männer vernommen worden sein. In homosexuellen Kreisen löste die Verfolgungswelle einen Schock aus, der von Furcht, Entsetzen und Panik begleitet war. Lauinger saß etwa sechs Monate in Haft – erst im Zuge der zunehmend kritischen Presseberichterstattung über die Prozessserie kam es zu einer Wende; 1951 wurde er freigesprochen.
Von 1974 bis 1998 war Lauinger Geschäftsführer des Freien Bildungswerks Balduinstein. Ab dieser Zeit war es ihm ein großes Anliegen, vor allem mit jungen Menschen über die NS-Zeit zu sprechen. Er besuchte Schulen, setzte sich in Gesprächen mit Schülern und Schülerinnen für Demokratie und Toleranz ein und erzählte in zahlreichen Veranstaltungen von seinen Erfahrungen. 2012 zog Lauinger nach Frankfurt zurück.
Überregional bekannt wurde er ab 2015 durch das Buch „Lauingers. Eine Familiengeschichte aus Deutschland“ der Journalistin Bettina Leder (* 1954). Nachdem die Bundesrepublik Deutschland Anfang 2017 ein Gesetz zur Entschädigung von Menschen verabschiedet hatte, die nach dem 1994 gestrichenen Paragraphen 175 StGB verfolgt worden waren, stellte Lauinger einen Antrag auf Entschädigung für die 1950/51 von ihm erlittene Haftzeit – vergebens. Sein Antrag wurde im Herbst 2017 abgewiesen, da Lauinger seinerzeit freigesprochen worden war. Am 20. Dezember 2017 verstarb Lauinger im Alter von 99 Jahren.
Mit seiner besonderen Geschichte erregte Lauinger nicht nur unser Interesse im Zuge der Neugestaltung unserer Dauerausstellung. Auch im Museumsarchiv sind es solche persönlichen Geschichten, die wir als Teil der jüdischen Geschichte Frankfurts verstehen und an die wir erinnern wollen. So wird das Schicksal von Wolfgang Lauinger nicht nur in einer Vitrine unserer neuen Dauerausstellung erzählt, sondern wir bewahren seit 2021 auch die Nachlassunterlagen von ihm und seinem Vater mit Dokumenten zur Familien- und Verfolgungsgeschichte, Fotografien, Zeitungsausschnitten und Reden in unserem Archivmagazin auf. Wer nicht das Glück hatte, Wolfgang Lauinger persönlich zu begegnen, kann diesen beweglichen und humorvollen Geist nun anhand der überlieferten Unterlagen, Erinnerungen und Videoaufnahmen kennenlernen.