04/03/2026
❝𝐑𝐞𝐯𝐨𝐥𝐮𝐭𝐢𝐨𝐧 𝐢𝐦 𝐊𝐨𝐩𝐟 - 𝐑𝐞𝐟𝐨𝐫𝐦 𝐢𝐧 𝐝𝐞𝐫 𝐇𝐚𝐧𝐝 – 𝐑𝐨𝐬𝐚 𝐋𝐮𝐱𝐞𝐦𝐛𝐮𝐫𝐠𝐬 𝐊𝐮𝐧𝐬𝐭 𝐝𝐞𝐬 𝐖𝐢𝐝𝐞𝐫𝐬𝐭𝐚𝐧𝐝𝐞𝐬 𝐳𝐮𝐦 𝟏𝟓𝟓. 𝐆𝐞𝐛𝐮𝐫𝐭𝐬𝐭𝐚𝐠 am 05. März 2026❞
Vorab-Druck eines Artikels im heute erscheinenden Newsletter der Linken und Linksfraktion Eimsbüttel. (Letzte Ausgabe: https://us1.campaign-archive.com/?u=4f4bd5e0b614a2ee364f4f82a&id=c0f629fbc2 )
„𝙕𝙚𝙝𝙣𝙩𝙖𝙪𝙨𝙚𝙣𝙙𝙚 𝙙𝙚𝙢𝙤𝙣𝙨𝙩𝙧𝙞𝙚𝙧𝙚𝙣 𝙛ü𝙧 𝙢𝙚𝙝𝙧 𝙆𝙡𝙞𝙢𝙖𝙨𝙘𝙝𝙪𝙩𝙯“ / „𝙆𝙡𝙞𝙢𝙖 𝙩𝙧𝙞𝙛𝙛𝙩 𝙒𝙖𝙧𝙣𝙨𝙩𝙧𝙚𝙞𝙠“ / „𝙎𝙩𝙧𝙚𝙞𝙠𝙩𝙖𝙜 𝙡𝙚𝙜𝙩 𝘽𝙪𝙨𝙨𝙚 𝙪𝙣𝙙 𝘽𝙖𝙝𝙣𝙚𝙣 𝙡𝙖𝙝𝙢“ – 𝙎𝙘𝙝𝙡𝙖𝙜𝙯𝙚𝙞𝙡𝙚𝙣 𝙬𝙞𝙚 𝙙𝙞𝙚𝙨𝙚 ü𝙗𝙚𝙧 𝙬𝙞𝙘𝙝𝙩𝙞𝙜𝙚 𝙪𝙣𝙙 𝙝𝙚𝙪𝙩𝙚 𝙚𝙧𝙡𝙖𝙪𝙗𝙩𝙚 𝙋𝙧𝙤𝙩𝙚𝙨𝙩𝙚 𝙥𝙧ä𝙜𝙚𝙣 𝙨𝙚𝙞𝙩 𝙅𝙖𝙝𝙧𝙚𝙣 𝙪𝙣𝙨𝙚𝙧𝙚𝙣 𝘼𝙡𝙡𝙩𝙖𝙜.
In Deutschland stehen wir heute auf den Schultern von Jahrzehnten Arbeiter:innenbewegung, in denen Massenproteste unter Inkaufnahme von Polizeigewalt und Gefängnisstrafen erfolgten. Auch Rosa Luxemburg - scharfzüngige Revolutionärin - deren **155. Geburtstag wir am 05. März 26** begehen - wurde mehrfach u.a. wegen ihrer antimilitaristischen Agitation und Aufrufe zum Ungehorsam gegen Krieg und Kriegsdienst monatelang inhaftiert.
Den Protestierenden von heute und der radikal demokratischen, internationalistischen und unbequemen Rosa Luxemburg ist die Überzeugung gemeinsam, dass ein 'Weiter so' keine Option ist. Auch in Bezug auf den Umgang mit Natur bestehen einige Gemeinsamkeiten. So wie Marx schon Mitte des 19. Jahrhunderts schrieb, die Menschen seien nicht Eigentümer, sondern nur Nutznießer der Erde und müssten sie wie 'gute Familienväter' den kommenden Generationen verbessert hinterlassen – eine Formulierung, die heute wie ein früher Kommentar zur Klimagerechtigkeit wirkt - so dachte auch Luxemburg Ausbeutung von Arbeit und Aneignung der Natur im Kapitalismus konsequent zusammen – Kapitalismus frisst nicht nur Arbeitskraft, er frisst auch Natur. Aber egal wie grün er lackiert ist, er bleibt Kapitalismus.
'Grüner Kapitalismus' - das wäre für Luxemburg ein Oxymoron gewesen, unmöglich wie eine 'ehrliche Lüge' oder ein 'friedlicher Krieg', und deshalb war für sie eine Revolution notwendig und unvermeidlich. Aber keine Angst vor Jakobinern. Sie schreibt selbst: »Wir brauchen **durchaus nicht in der Revolution Heugabeln und Blutvergießen zu verstehen**. Eine Revolution kann auch in kulturellen Formen verlaufen, und wenn je eine dazu Aussicht hatte, so ist es gerade die proletarische; denn wir sind die letzen, die zu Gewaltmitteln greifen, die eine brutale Revolution herbeiwünschen könnten. Aber solche Dinge hängen nicht von uns ab, sondern von unseren Gegnern.«
Rosa Luxemburg, streitbare, freundliche, demokratische und naturverbundene Denkerin, Agitatorin und Ikone der gesellschaftlichen Linken wie Che Guevara, Fidel Castro, Lenin, Friedrich Engels oder Karl Marx – verstand Revolution als Einheit von utopischem Ziel und täglichem Handeln. Nach eine glühende Revolutionärin – ganz praktisch und konsequent –, der es nicht um Erkenntnis und Rechtbehalten, nicht um eine akademische Karriere ging, sondern darum, eine Welt, in der sie Ausbeutung, Unterdrückung und Naturzerstörung schmerzhaft störten, praktisch zu verändern. Nach Hannah Arendt war sie „die umstrittenste und missverstandendste Gestalt der deutschen Linken“. Luxemburg war und ist verehrte Legende und zugleich für viele Menschen nur „Rosa“ – distanzlos und verkleinert, ohne Familiennamen. Niemand würde einfach von Karl, Friedrich oder Wladimir schreiben, wenn Marx, Engels oder Lenin gemeint sind.
Ist es eventuell nur die „Legende Rosa Luxemburg“, wie Hannah Arendt es auch einmal ausdrückte? Der »Inbegriff der Sehnsucht nach der guten alten Zeit der Bewegung, als die Hoffnung noch grünte, die Revolution unmittelbar vor der Tür stand und vor allen Dingen der Glaube an die Fähigkeiten der Massen und die moralische Integrität der kommunistischen Führung noch unangetastet war?« Offene Fragen, die wohl nie wirklich geklärt werden können. Aber nicht nur die Intention ihrer Mörder, sie und ihre Ideen zum Schweigen zu bringen, erfordert eines sicher: Es geht bei der Erinnerung an Luxemburg nicht um falsche Ikonisierung, nicht um die Anbetung der Asche, sondern um die Weitergabe des Funkens, der Methoden und Haltung.
Um in dieser Kurzvorstellung Rosa Luxemburgs nur mit einem Fuß in der von Ingar Solty beschriebenen Falle zu landen – sie in die drei gängigen Klischeebilder linksbürgerlichen Feminismus, Eurokommunismus oder Marxismus-Leninismus einzuordnen –, sei eine, vielleicht die wichtigste, Eigenschaft Rosa Luxemburgs betont, die alle anderen durchzieht: ihre **Fähigkeit und Bereitschaft, in Widersprüchen zu denken**. Wie kaum eine andere entwickelte Luxemburg marxistische Dialektik an realen, aktuellen Konflikten weiter. Begriffspaare wie **Reform und Revolution**, **Theorie und Praxis** oder **Masse und Partei** hat sie stets als **dialektische Einheit** verstanden – nie als Gegensatz oder Alternative. Diese Denkweise muss die gesellschaftliche Linke heute wieder lernen. Der Begriff der **„revolutionären Realpolitik“** taucht in ihren Werken explizit zwar nur einmal auf, doch er fasst ihr dialektisches Denken prägnant zusammen. Fr**ga Haug beschreibt diese Synthese aus unmittelbarem Kampf um Reformen und ferner Utopie einer nichtkapitalistischen Gesellschaft mit dem anschaulichen Bild von Eisenspänen, die sich in einem unsichtbaren Magnetfeld ausrichten. Realpolitische Ziele bleiben essenziell, solange das Fernziel im Blick bleibt. Stellvertreter-Politik à la »NichtsalsParlamentarismus« – Rosa Luxemburgs Spottformel über Kautsky – reichte ihr nicht. Parlamentarische Arbeit bietet eine unverzichtbare Bühne für Forderungen, doch echte Fortschritte jenseits der Tagespolitik entstehen in der Bewegung, in Massenprotesten, in der Gesellschaft selbst.
Rosa Luxemburg war eine hochintelligente und selbstbewusste Frau, ein Grund für ihren Erfolg wie auch die Missgunst der anderen (Männer). Peter Hudis - ihr US-amerikanischer Herausgeber - charakterisierte sie einmal so: »**Sie ließ sich von niemandem etwas bieten. Sie war Polin, Jüdin, Frau und hatte eine Körperbehinderung - "*4 Strikes already*"** - die sich trotzdem in kürzester Zeit in die Führungsetage der SPD, der damals größten sozialdemokratischen Partei der Welt, emporarbeitete.« Das war im Gegensatz zu vielen Selbstdarstellern, die uns auch in der heutigen Politik sicher spontan einfallen, nicht nur ihrer Power und ihrer Wortgewandtheit geschuldet, sie war auch einfach eine ausgesprochen kluge und gebildete Marxistin, so bewandert, dass sie fundierte wissenschaftliche Arbeiten (Sozialreform oder Revolution / Massenstreik, Partei und Gewerkschaften / Akkumulation des Kapitals) verfasste und von 1907 bis 1914 zur Dozentin der Berliner Parteischule (203 Schüler, davon 14 Frauen) berufen wurde.
Bei Peter Bierl ist zu lesen: »Die Missachtung von Luxemburgs Positionen, bis hin zur persönlichen Beschimpfung, hat Tradition. Führende Sozialdemokraten schmähten sie machomäßig als "doktrinäre Gans" (Viktor Adler), als "gescheite Giftnudel" oder "hysterisches und zänkisches Frauenzimmer" (Ignaz Auer). Von der konservativen deutschen Presse wurde sie als gewalttätige Krawallmacherin, als Jüdin, Migrantin und Frau angegriffen.« Ihre Kritik an seinem »rücksichtslosen Zentralismus« konterte Lenin in seiner posthumen Würdigung mit: »Ein Adler kann wohl manchmal tiefer hinabsteigen als ein Huhn, aber nie kann ein Huhn in solche Höhen steigen wie ein Adler. Rosa Luxemburg irrte in der Frage der Unabhängigkeit Polens; sie irrte … Aber trotz all dieser Fehler war sie und bleibt sie ein Adler.« Für die Verantwortlichen des 'Real existierenden Sozialismus' - ja der, der die sozialistische, die solidarische Utopie so gründlich diskreditierte - war sie jahrzehntelang ein echtes Problem. Zentrale Elemente ihres Denkens sägten direkt an den Grundlagen dieses Systems – an Parteidiktatur, Einheitslinie und Unterdrückung innerlinker Opposition. Obwohl es andere berühmte Namen als Sinnbild für Emanzipation und Widerstand gegeben hätte, war es konsequent, sie zur Namensgeberin der parteinahen Stiftung einer Partei zu machen, die sich im Erfurter Grundsatzprogramm von 2008 explizit vom Stalinismus als System distanzierte - ein Umstand, der von ihren ideologischen Gegenspielern standhaft ignoriert wird.
Mit allen Konsequenzen gegen den Krieg, für den Frieden. Nachdem sie schon 1913 - also vor Beginn des ersten Weltkrieges - dazu aufgerufen hatte, den Kriegsdienst zu verweigern: »Wenn uns zugemutet wird, die Mordwaffen gegen unsere französischen oder anderen ausländischen Brüder zu erheben, so erklären wir: ‚Nein, das tun wir nicht!«, bestrafte man sie wegen „Aufforderung zum Ungehorsam gegen Gesetze und gegen Anordnungen der Obrigkeit“ mit einem Jahr Haft. Gut belegt ist ihre Verteidigungsrede vor Gericht: »Der Staatsanwalt hat wörtlich gesagt – ich habe es mir notiert: Er beantrage meine sofortige Verhaftung, denn ‘es wäre ja unbegreiflich, wenn die Angeklagte nicht die Flucht ergreifen würde’. Das heißt mit anderen Worten: Wenn ich, der Staatsanwalt, ein Jahr Gefängnis abzubüßen hätte, dann würde ich die Flucht ergreifen. Herr Staatsanwalt, ich glaube Ihnen. Sie würden fliehen. Ein Sozialdemokrat flieht nicht. Er steht zu seinen Taten und lacht Ihrer Strafen. Und nun verurteilen Sie mich!“
Luxemburg betont in ihren Werken die Bedeutung von Spontaneität und Kreativität der Massen: Revolutionäre Bewegungen lassen sich nicht von oben „anordnen“, sondern wachsen aus den Erfahrungen der Klasse. Dabei ist sie alles andere als eine Anarchistin oder Syndikalistin. Sie kritisierte Syndikalismus explizit als „reine Gewerkschaftsrevolution“. Gewerkschaften sind essenziell, aber ohne politische Partei bleiben sie auf ökonomische Reformen beschränkt – ohne Staatsmacht keine sozialistische Transformation. Was sie will: Revolutionäre Energie der Massen plus parteilich organisierte politische Macht. Immer wieder erscheint bei ihr die Idee der Demokratie der Vielen, der Masse, nicht der Stellvertreter. Sie beharrt darauf, dass es 'Diktatur des Proletariats' nicht Diktatur 'über' das Proletariat heißt, und diese mit sozialistischer Demokratie identisch sein muss. Die russische Oktoberrevolution erklärte sie bereits im Dezember 1918 wegen der autoritären Deformation für gescheitert, und beharrte darauf, dass eine soziale Revolution nur von einer überzeugten Mehrheit der Bevölkerung ausgehen und getragen werden kann.
Und bei den Massenprotesten sind wir wieder im Hier und Jetzt von Mietenmove, Tarifverträgen, Friedens- und Klimabewegung. Verbesserungen ja, aber nicht um den Preis der Entpolitisierung. Wenn es um den Weg zu einer solidarischen und 'solaren' statt fossilen Welt geht, bringt Elmar Altvater (der marxistische Vordenker der sozial-ökologischen Transformation) die luxemburgische, synthetische Verschränkung zwischen Reform und Revolution folgendermaßen auf den Punkt: »Es wäre zynisch, auf Godot zu warten, d.h. auf das Ende des Kapitalismus. Wir ... ergreifen die wenigen Chancen, die sich zur Verbesserung der Lage, und sei es nur vorübergehend, bieten. Wir dürfen dabei nur nicht die längerfristige Perspektive aus dem Auge verlieren, die über den Kapitalismus, wie wir ihn kennen, hinausweist. ... Die Vertreter eines 'Green New Deal' hingegen wollen den Kapitalismus bruchlos fortsetzen.«
Bis heute kolportieren interessierte Kreise den Vorwurf der „blutigen Rosa“, der auf Gustav Noske zurückgeht, den selbsternannten „Bluthund“ und rechtssozialdemokratischen 'Verteidigungs-'minister. Noske unterstellte Luxemburg den Aufruf zu blutigen Umstürzen – dabei schrieb sie im Dez. 1918 explizit: »Die proletarische Revolution bedarf für ihre Ziele keines Terrors, sie hasst und verabscheut den Menschenmord. Sie bedarf dieser Kampfmittel nicht, weil sie nicht Individuen, sondern Institutionen bekämpft.« Noske selbst war es, der die brutale Niederschlagung des Januaraufstands 1919 anordnete, die allein in Berlin 1.200 Tote forderte. Zusammen mit Friedrich Ebert förderte er den Mord an Luxemburg und Liebknecht durch Pabsts Freikorps und deckte die Täter. Begründung: Luxemburg als „Bolschewistin“, die Chaos und Bürgerkrieg anstrebe; Noske posierte als Retter vor „roter Anarchie“. Die Blutspur des rechten Terrors reicht u.a. von der Ermordung Liebknechts und Luxemburgs über die ihres langjährigen Lebenspartners Leo Jogiches, enge Mitstreiter wie Hugo Haase und Hugo Eberlein bis zu ihren engsten Freundinnen, die später in nationalsozialistischen Vernichtungslagern ermordet wurden, Mathilde Jacob, 1943 siebzigjährig, in Theresienstadt, Luise Kautsky, 1944 achtzigjährig, in Auschwitz.
Rosa Luxemburg hinterlässt uns kein fertiges Rezept, sondern eine **Haltung**: kritisch, widersprüchlich denkend, solidarisch, internationalistisch und radikal demokratisch. Ihre Texte sind Einladung, eigene Erfahrungen von Ausbeutung, Unterdrückung und Naturzerstörung mit marxistischer Analyse zu verbinden, daraus Lernprozesse zu organisieren – und kollektiv zu handeln. Es geht um Methoden und Haltungen, nicht um Kultfiguren.
Bilder:
- Arbeits-, Mieten- und Klimaproteste
- Zwei Seiten aus Rosa Luxemburgs Herbarium, das sie, die eigentlich Botanikerin werden wollte, zwischen 1913 und 1918 anlegte
- Besuch des Parteivorstandes im Jahr 1907 bei der Reichsparteischule der SPD. Dozentin Rosa Luxemburg (stehend vierte von links). August Bebel (stehend fünfter von links), Friedrich Ebert (links in der 3. Bank der rechten Bankreihe - über die Rolle des rechtssozialdemokratischen Reichspräsidenten Ebert bei der Ermordung Luxemburgs schweigt hier des Sängers Höflichkeit). Bildquelle: https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/6/6b/Spdparteischule1907.jpg/500px-Spdparteischule1907.jpg