Pilze kennen- und bestimmen lernen

Pilze kennen- und bestimmen lernen als Speisepilze nutzen darf...

"Pilze kennen- und bestimmen lernen" richtet sich an Menschen, die gerne mehr über die heimischen Wildpilze erfahren möchten, die man in heimischen Wäldern finden kann und die man z.B.

bfu.0064Die Krux mit den Synonymen...Erschwert wird das Erlernen und Beherrschen der botanischen Sprache dadurch, dass d...
27/11/2021

bfu.0064

Die Krux mit den Synonymen...

Erschwert wird das Erlernen und Beherrschen der botanischen Sprache dadurch, dass die Pilzarten nicht nur mit ihrem aktuellen Namen angesprochen werden, sondern dafür meist auch noch andere Bezeichnungen im Umlauf sind, die früher mal gegolten haben oder in anderen Teilen der Welt noch üblich sind, weil die dortigen Wissenschaftler anderen Überzeugungen folgen. Dann kommt es vor, dass für bestimmte Pilzarten und den übergeordneten Klassifizierungen mehrere Begriffe im Gebrauch sind. Diese sind in der Fachsprache als SYNONYME vermerkt. Synonyme können schon sehr alt sein und bis in die Anfänge der Mykologie zurückreichen.

Ein gutes Beispiel hierfür ist der Maronenröhrling. Ursprünglich ist der bekannte Speisepilz vom Mykologen Elias Magnus Fries (1794–1878) im Jahre 1818 erstbeschrieben worden. Damals wurde für den Maronenröhrling der wissenschaftliche Name Boletus castaneus var. badius konserviert, was 1828 vom selben Mykologen auf Boletus badius abgekürzt wurde. Das Epipheton "badius" bedeutet „braun" bzw. "kastanienbraun“ und bezieht sich auf die Hutfarbe des Pilzes. Ende des 19. Jh. kamen für den Maronenröhrling neben Boletus badius weitere wissenschaftliche Bezeichnungen wie Rostkovites badia, Viscipellis badia, Ixocomus badius, Suillus badius und Gyrodon stejskalii auf, die als Synonyme heute aber keine Bedeutung mehr haben. In der 20er Jahren des 20. Jh. hat man gemerkt, dass der Maronenröhrling viel mehr Ähnlichkeit mit Pilzen aus der Gattung der Filzröhrlinge (Xerocomus) hat, also wurde er 1931 in die entsprechende Gattung überstellt in der damals neben der Ziegenlippe auch noch die Rotfuss-Röhrlinge gelistet waren, die heute ein eigenes Taxon bilden. Der Name Xerocomus badius konnte sich aber nur in Europa richtig durchsetzen. In den USA und anderen Teilen der Welt blieb die alte Bezeichnung Boletus badius erhalten.

Anfangs des neuen Jahrtausends kam die Wissenschaft zum Schluss, dass der Maronenröhrling "polyphyletisch" ist, also keine gemeinsame Stammform mit den Filzröhrlingen besitzt. Also wurde die "Braunkappe", wie der Pilz im Volksmund heisst, wieder in die alte Gattung Boletus zurückgestellt. 2014 entschied man sich dafür, den Maronenröhrling endgültig auf der Gattung der Dickröhrlinge (Boletus) zu nehmen und eine eigenes Taxon dafür zu erschaffen. Treibende Kraft hinter diesem Ansinnen war der amerikanische Mykologe Alfredo Vizzini. Er initialisierte unter dem Namen IMLERIA eine neue Gattung, die gerade mal von vier Pilzarten bestellt wird, von denen eine einzige in Europa vorkommt, nämlich der Maronenröhrling, für den der neue botanische Namen Imleria badia konserviert wurde. Da es immer eine Weile dauert, bis so ein Name etabliert ist und sich vermutlich auch nicht alle Pilzkundler damit zufrieden geben wollen, bleiben die alten Synonyme im Gebrauch, also die Namen:

Imleria badia (Fries) Vizzini (2014)
Xerocomus badius (Fries) E.-J. Gilbert (1931)
Boletus badius (Fries) Fries (1828)
..drei wissenschaftliche Bezeichnungen für ein und denselben Pilz, der im Volksmund mit einer ganzen Latte an zusätzlichen Trivialnamen behaftet ist. Der bekannteste ist wie gesagt "Braunkappe".

Sich all die Synonyme und Trivialnamen merken zu wollen, ist unmöglich und auch nicht zielführend. Aber man muss offen sein für eine gewisse Vielfalt an Namen, wie wir auch offen dafür sein müssen dafür, dass zu den wissenschaftlichen Namen auch noch ergänzende Bezeichnungen für Varietäten dazu kommen und so mancher Mykologe wert darauf legt, als Erstbeschreiber genannt zu werden. Wer heute ein Bild von einer Braunkappe postet und korrekt sein will, der schreibt es demzufolge mit Maronenröhrling, Imlera badia (Fr. : Fr.) Vizzini an...:-)

Bea

bfu.0063Herkunft der wissenschaftliche Pilznamen...Verwandte Pilze fangen in der botanischen Sprache immer mit dem gleic...
25/11/2021

bfu.0063

Herkunft der wissenschaftliche Pilznamen...

Verwandte Pilze fangen in der botanischen Sprache immer mit dem gleichen Gattungsname an. Der Gattungsname für die WULSTLINGE, aus deren Gruppe wir die Fliegenpilze, die giftigen Knollenblätterpilze und den essbaren Perlpilz kennen, lautet demzufolge immer: AMANITA...

Der zweite Namensteil - in der Fachsprache EPITHETON genannt - bezieht sich auf die Gestalt des Pilzes, auf seine Herkunft oder es wird damit der Entdecker einer Pilzes geehrt.

Beim Grünen Knollenblätterpilz lautet das Epitheton "phalloides", womit an die pen*sähnliche Form des Fruchtkörpers erinnert wird. Beim Roten Fliegenpilz lautet der zweite Namensteil "muscaria". Man nimmt an, dass dieser Begriff aus der früheren Bezeichnung "fungus muscarum" abgeleitet ist, was so viel wie Mücken-Pilz heisst. Im Mittelalter wurden getrocknete und pulverisierte Fliegenpilze in Milch angerührt, was angeblich geholfen hat, das Ungeziefer aus der Küche und dem Stall fern zu halten.
Beim Pantherpilz (Amanita pantherina) leitet sich das Epitheton von Grosskatzen ab, die von Natur aus mit einem gefleckten Fell versehen sind. Ähnlich gefleckt kommt der Hut des Pantherpilzes daher. Das Epitheton bezieht sich also auf eine Erkennungsmerkmal.
Beim Kaiserling (Amanita cesareae) erinnert der Beiname daran, dass bereits die Oberhäupter im alten römischen Reich diesen Pilz als Speisepilz geschätzt haben.

Der Schuppenstielige Wulstling (Amanita Vittadini) ist ein naher Verwandter des Igel-Wulstlings und des Fransigen Wulstlings. Sein botanischer Beiname ehrt den Entdecker des Pilzes, den italienischen Mykologen Carlo Vittadini, der von 1800 bis 1865 in Mailand gelebt hat.

So gesehen folgt die wissenschaftlichen Namen einem viel logischeren Schema als die deutsche Sprache und man kann es den Hobbymykologen nicht verdenken, wenn sie sich mehrheitlich ihrer bedienen, sobald sie von ihren Funden berichten oder uns Laien etwas über Pilze erzählen und dabei besonders schlau klingen möchten... :-)

Bea

bfu.0062Fluch und Segen der Wissenschaftliche Pilznamen...Wer sich mit Pilzen beschäftigt sollte sich nicht zu schade da...
25/11/2021

bfu.0062

Fluch und Segen der Wissenschaftliche Pilznamen...

Wer sich mit Pilzen beschäftigt sollte sich nicht zu schade dafür sein, sich vom ersten Tag an mit den lateinisierten Fachbegriffen zu beschäftigen. Am Anfang wird das Mühe bereiten. Die in der Pilzkunde (Mykologie) gebräuchliche Fachsprache ist schwer verständlich. Man ermüdet beim Lesen sehr schnell...aber wenn man sich mal eine Weile damit beschäftigt hat, wird klar, dass die Fachbegriffe einem logischen Aufbau folgen und umso verständlicher werden, je mehr man sich mit der Sprache beschäftigt, wobei es hilfreich ist, wenn man der italienischen oder französischen Sprache mächtig ist.

Die wissenschaftlichen Pilznamen sind demselben binomischen Nomenklatursystem entnommen, das auch in der Botanik oder in der Zoologie zur Anwendung kommt. In ihm erhält jedes Lebewesen einen lateinischen (oder lateinisierten) Gattungs- und Artnamen, mit dem eine Lebensform eindeutig und international genormt kennzeichnet wird. Dieser Name besteht immer aus zwei Teilen: dem Namen der Gattung und dem EPIPHETON, mit dem auf die äussere Erscheinung, die Herkunft oder den Entdecker des Bildes Bezug genommen wird. Verwandte Pilze fangen in der botanischen Sprache immer mit dem gleichen Gattungsnamen an. Das erleichtert die Orientierung gewaltig. Die deutsche Sprache ist da schon komplizierter, wie man am Beispiel der Gattung WULSTLINGE gut erkennen kann.

In der Fachsprache fangen alle Pilze der Gattung Wulstlinge mit AMANITA an: siehe:

Amanita muscaria
Amanita Phalloides
Amanita excelsa
Amanita rubscens
Amanita fulva

In der deutschen Sprache haben wir für dieselben Pilze folgende Ausdrücke:

Roter oder Gemeiner Fliegenpilz
Grüner Knollenblätterpilz
Grauer Wulstling
Perlpilz
Fuchsiger Scheidenstreifling

Aus den deutschen Pilznamen selbst lässt sich die Zugehörigkeit zur Gattung nicht ohne weiteres ableiten, wir müssen den Zusammenhang erstellen, indem wir alle Pilze kennenlernen und uns einprägen, in welcher verwandtschaftlichen Beziehung sie stehen, damit wir z.B wissen, dass die Gruppe der Wulstlinge nicht nur aus dem essbaren Perlpilz, dem Grauen Wulstling und den Scheidenstreiflingen besteht, sondern auch aus den gemeingefährlichen Knollenblätterpilzen und den Fliegenpilzen und darum besondere Aufmerksamkeit erfordert. In der lateinischen Sprache wissen wir anhand des Gattungsnamens AMANITA, dass der Fliegenpilz und der Perlpilz in einem direkten verwandtschaftlichen Verhältnis stehen, woraus sich auch eine Verwechslungsgefahr ableiten kann.

Bea

bfu.0061 Keine Angst vor der Gelehrtensprache... Unabhängig davon, ob man sein Pilzwissen aus Büchern, aus dem Internet ...
25/11/2021

bfu.0061

Keine Angst vor der Gelehrtensprache...

Unabhängig davon, ob man sein Pilzwissen aus Büchern, aus dem Internet oder von einer anderen Quelle bezieht; man wird nicht darum herum kommen, sich mit Fachbegriffen auseinander zu setzen, die im ersten Moment kompliziert klingen und einem die Lust rauben, sich eingehender mit dem Thema zu beschäftigen. Das ist keine böse Absicht, sondern dem Umstand geschuldet, dass die Pilzkunde (Mykologie) eine anerkannte Wissenschaft ist - so wie die Botanik oder die Zoologie. Dabei kommt es häufig zu Überschneidungen mit Begriffen, die auch in der Pflanzenkunde benützt werden, was daher rührt, dass Pilze bis vor wenigen Jahrzehnten noch als Bestandteil des Reichs der Pflanzen (Plantae) betrachtet wurden.

LATEINFREUNDE kommen dabei voll auf ihre Kosten. Pilze werden wissenschaftlich in mit Namen angesprochen, die sich vornehmlich aus Begriffen der Gelehrtensprache ableiten, aber auch vom Griechischen beeinflusst sind. Das klingt zuweilen befremdlich. Schnell kommt dabei ein Gefühl der Arroganz oder Überheblichkeit auf. Ein übles Gefühl, das schon manche Neueinsteiger davon abgehalten hat, sich näher mit dem Thema "Pilze" zu beschäftigen. Wer sich damit auskennt, hat die Weisheit nicht für sich gepachtet. Man sollte immer so mit seinem Wissensschatz verfahren, dass andere sich davon nicht abgestossen sondern angezogen fühlen. Dann haben Kenner und Experten die besten Chancen, Unkundige für das REICH DER PILZE zu begeisterten.

Entgegen kommt uns dabei die Gunst, dass es für die meisten Fachbegriffe deutsche Bezeichnungen gibt, die aber nicht weniger kompliziert klingen. Ich versuche auf dieser Seite den Gebrauch der Fachausdrücke aufs Wesentliche zu beschränken. Dennoch sollte man sich nicht zu schade dafür sein, sich peu-à-peu an die wissenschaftlichen Namen und die wichtigsten Fachbegriffe zu gewöhnen - aus einem ganz praktischen Grund: die botanischen Pilznamen sind auf der ganzen Welt im Gebrauch. Wenn man im Internet oder in den Fachbüchern unter deren Namen sucht, kommt man schneller ans Ziel, als wenn man die deutschen Namen als Suchbegriff eingibt. Ausserdem sind die lateinisierten Pilznamen nicht zufällig gewählt, sondern folgen einer klar geregelten Struktur, die u.a. die Orientierung in der Pilz-Systematik erleichtert.

Bea

25/11/2021

Man sollte mit seinem Pilzwissen immer so verfahren, dass andere sich davon nicht abgestossen, sondern angezogen fühlen...

Bea Furrer-Heeg, Pilzkennerin aus Gelnhausen (D)

bfu.0060Gesunder Sprachmix...Auch wenn es beim Pilzen letztlich um einen Freizeitspass geht, den man locker und unverkra...
25/11/2021

bfu.0060

Gesunder Sprachmix...

Auch wenn es beim Pilzen letztlich um einen Freizeitspass geht, den man locker und unverkrampft ausüben möchte, so kommt man nicht darum, das Hobby mit einer gewissen Ernsthaftigkeit zu betreiben. Die Geistesgegenwärtigkeit, spiegelt sich u.a. in der Sprache wieder. Sie hantiert mit vielen Begriffen, die der Gelehrtensprache entnommen sind. Das klingt kompliziert, hat manchmal auch den Anschein von Arroganz, vor allem dort, wo diejenigen, die explizit mit den wissenschaftlichen Namen arbeiten keine verständlichen Begriffe auf Lager haben und so tun, als gäbe es nicht auch Wörter, die in der jeweiligen Landesprache vermitteln, wie Pilze heissen und was man über sie lernen kann.

Vielen Pilzfreunden sind die wissenschaftlichen Pilznamen ein Dorn im Auge. Dabei sind sie gar nicht mal so schwer zu verstehen. Sie folgen einem klar strukturierten Prinzip, das die Orientierung innerhalb der taxonomischen Systematik erleichtert.
Es gibt zwei gute Argumente, die für das Erlernen der lateinisierten Bezeichnungen sprechen. Die botanischen Pilznamen sind auf der ganzen Welt im Gebrauch und führen als Suchbegriff viel schneller zum Ziel, wenn man in den Fachbüchern oder im Internet danach stöbert. Sie haben aber noch einen anderen Vorteil: sie werden auf der ganzen Welt verstanden.

Man sollte mit dem Pilzwissen immer so verfahren, dass andere sich davon nicht abgestossen, sondern angezogen fühlen. Daher gilt es einen gesunden Mix von dem zu gebrauchen, das wissenschaftlich verwendet wird und dem, was der Volksmund versteht...

Grafik: goethelp.de Weniger anzeigen

bfu.0055Bedeutung der Taxonomie für die Zukunft...Die Hohe Anzahl an noch unerforschten Pilzen stellt unsere Welt vor ei...
31/10/2021

bfu.0055

Bedeutung der Taxonomie für die Zukunft...

Die Hohe Anzahl an noch unerforschten Pilzen stellt unsere Welt vor ein Problem. Will man das Leben darin kennen- und respektieren lernen, muss man über die Wirkungsweise der Pilze Bescheid wissen. Man muss ihre Gefahren kennen, damit man sich und vor allem das, was für die globale Ernährung, die Gesundheit und den Artenschutz wichtig ist, rechtzeitig schützen kann...man muss aber auch ihren Nutzen gewinnbringend einsetzen können. Die Bedeutung der Pilze ist unendlich viel grösser, als das, wofür wir sie im Augenblick nutzen. Aber wird sind auf einem guten Weg. Schon vielerorts wird mit den bioaktiven Eigenschaften der Pilze experimentiert und einiges davon auch schon nutzbar gemacht: etwa in der Medizin, in der Industrie, im Lebensmittelbereich der in der Umwelttechnologie....und doch muss uns eine Sache bedenklich stimmen:

In Deutschland geht der Anteil der taxonomischen Ausbildung an den Universitäten zurück und damit auch der Anteil guter Taxonomen unter den Biologen und Ökologen. Die Bedeutung guter taxonomischer Aufarbeitung in Sammlungen und im Feld wurde bei der Umsetzung der Konvention zur Biologischen Vielfalt CBD bewusst: Um Arten, Populationen und Lebensräume effektiv zu schützen, müssen die Akteure die Tier- und Pflanzenarten sicher bestimmen können um

Das Erfassen der Millionen noch unbekannter Pilze ist eine monumentale Aufgabe, die nur gestemmt werden kann, wenn der Anteil an Forscher, die momentan pro Jahr etwa 1'500 neue Pilzarten beschreiben um ein Vielfaches aufgestockt wird. Sonnst dauert es 1'500 bid 2'500 weitere Jahre, bis alle auf diesem Planeten vorkommenden Pilze bestimmt und entschlüsselt sind. Es wäre das Zehnfache an Spezialisten nötig, um die "Taxonomie der Pilze" innerhalb der nächsten zwei Jahrhunderte abzuschließen.

Wir brauchen in Zukunft deutlich mehr Menschen, die uns dabei helfen, die Rätsel rund um die Pilze zu entschlüsseln, damit andere die Möglichkeit haben, daraus ihre Schlüsse und ihren Nutzen zu ziehen. Bleibt die Frage, wie kann man Menschen für die Taxonomie begeistern? Vielleicht, indem man mal darauf schaut, nach welchen Kriterien Pilze in der modernen Systematik taxonomisch erfasst werden. Eine gute Idee, die auch uns hilft, besser zu verstehen, warum ein Blätterpilz heute auch ein Röhrling sein kann oder der Birnenstäubling heute mit dem Champignon näher verwandt ist, als mit anderen Bauchpilzen...

Bea

Bea.0054...Wie viele Pilze gibt es?Wenn man davon ausgeht, dass es von jeder bislang entdeckten und beschriebenen Pilzar...
31/10/2021

Bea.0054...

Wie viele Pilze gibt es?

Wenn man davon ausgeht, dass es von jeder bislang entdeckten und beschriebenen Pilzart mindestens 10 oder 12 Varietäten gibt - wie das manche Wissenschaftler vermuten, dann kann man sich leicht erklären, warum keiner so recht sagen kann, wie viele Pilze es genau gibt. Niemand hat sie je gezählt, auch weil täglich neue entdeckt werden, die man anderswo überhaupt nicht kennt, die Unterscheidung oftmals schwierig ist, sodass es natürlicherweise zu Doppelungen kommt. Die Zahlen schwanken und hängen stark davon ab, ob und wie man die Varietäten und Formen mitzählt.

Für die aktuelle Schätzung kombinierten die Forscher drei Schätzmethoden: als erstes die DNA-Sequenziermethoden. Allein durch die Analyse des sogenannten DNA-Barcodings wurden bei vermeintlich bekannten Pilzarten, wie dem Fliegenpilz oder dem Pfifferling, im Schnitt etwa 10 zuvor unbekannte Arten entdeckt. Die bereits bekannten 120'000 Pilzarten könnten demzufolge bis zu 1,2 Millionen Arten entsprechen. Zweitens zogen die Forscher Analysen von Umweltproben heran, etwa des Bodens oder Wassers. Mittels neuartiger DNA-Sequenziermethoden werden darin alle vorhandenen Organismen erfasst. Die Forscher vermuten hier weltweit mindestens 1 Million zusätzlicher, unbekannter Pilzarten, zusammen also etwa 2,2 Millionen. Drittens zeigten Studien an ausgewählten Lokalitäten, wo alle Pflanzen- und Pilzarten systematisch erfasst wurden, dass im Mittel 9,8 Pilzarten pro Pflanzenart vorkommen. Bei einer hochgerechneten Zahl von weltweit 390'000 Pflanzenarten ergibt sich aus dieser alternativen Schätzmethode eine Gesamtzahl von 3,8 Millionen Pilzarten. Die Forscher vermuten viele unbeschriebene Pilzarten in sogenannten Hotspots wie den Tropen. Dazu kommen wenig untersuchte Lebensräume wie man sie u.a. in den symbiontischen Flechten und in Insekten findet, sowie in unbearbeitetem Material naturkundlicher Sammlungen. Also kann man davon ausgehen, dass das Reich der Fungi ungefähr 4 Millionen Arten erfasst und somit vor den Pflanzen das zweitgrösste Reich der Lebewesen ist.

Das Erfassen noch "unbekannter" Pilze ist eine Mammutaufgabe für die Forscher. Momentan können pro Jahr nur etwa 1'500 neue Pilzarten beschrieben werden. Man bräuchte weitere 1'500 bis 2'500 Jahre, um alle noch unbekannten Pilzarten zu beschreiben. Oder ein Zehnfaches an Spezialisten, um diese Aufgabe innerhalb der nächsten zwei Jahrhunderte abzuschließen. Solche stehen nicht zur Verfügung. Das wirkt es geradezu tröstlich, dass durch die fortwährende Lebensraumzerstörung und nicht nachhaltiges Wirtschaften die Pilzvielfalt global abnimmt. Viele Arten sterben aus bevor sie entdeckt werden...

Bea

Bfu.0053Formen und Varietäten von Pilzen, Teil II.Ein gutes Beispiel für das variable Auftreten einer Pilzart ist der al...
29/10/2021

Bfu.0053

Formen und Varietäten von Pilzen, Teil II.

Ein gutes Beispiel für das variable Auftreten einer Pilzart ist der allseits bekannte Fliegenpilz. Den meisten bloss als rothütiger Geselle mit weissen Punkten bekannt, muss dieser faszinierende Wulstling heute in mehreren Formen betrachtet werden, deren taxonomischer Rang allerdings nicht nicht zweifelsfrei geklärt ist.

Typusvarietät im eigentlichen Sinne ist Amanita muscaria die wir gemein als Roter Fliegenpilz kennen. Als modifizierte Klone sind davon beschrieben:

var. aureola
var. formosa
var. regalis

Die Varietät "aureola" trägt häufig keine Flocken auf dem Hut, besitzt dafür eine häutige Scheide. Sie ist deshalb problematisch, weil "nackte" Fliegenpilze mit essbaren Täublingen verwechselt werden können. Die Flocken können aber auch vom Regen abgewaschen sein. Die Varietät "formosa" kommt mit einen orangegelben Hut mit spärlichen gelben Flocken daher. Der Braune Fliegenpilz (auch Königsfliegenpilz genannt), wird in vielen Bestimmungsbüchern als eigenständige Art (Amanita regalis) vorgestellt, ist als solche aber nicht von allen Autoren anerkannt und darum auch als Amanita muscaria var. regalis geläufig.

Gelegentlich taucht in den Pilzforen ein Gelbflockiger Fliegenpilz auf, der als Amanita muscaria var. flavivolvata bezeichnet ist.

Sämtliche Varietäten des Fliegenpilzes sind giftig und zählen zu den GIFTPILZEN.

Bea

bfu.0052Formen und Varietäten von Pilzen, Teil I.Hat man in der   mal die gesuchte Art gefunden, kann man sich nicht ein...
29/10/2021

bfu.0052

Formen und Varietäten von Pilzen, Teil I.

Hat man in der mal die gesuchte Art gefunden, kann man sich nicht einfach mit dieser einen Art zufrieden geben, sondern muss dafür gewappnet sein, dass von einer bestimmten Pilzart mehrere Formen beschrieben sind. Es wird dann gerne von einem Formen-Komplex gesprochen oder von , die es zuzüglich der Stammform eines Pilzes zu berücksichtigen gilt.
So eine Varietät gilt als taxonomische Rangstufe und stellt ein Verbindungsglied zwischen Unterart und Form dar und wird für Populationen verwendet, die sich nur geringfügig von der unterscheiden. Der früher gebräuchliche Begriff "Abart" ist inzwischen obsolet und wird nicht mehr verwendet.

Die meisten Pilzsammler wird es wenig bis gar nicht interessieren, welche Form eines Pilzes gefunden wurde, Hauptsache es herrscht Klarheit darüber, ob der Pilz essbar ist und in der Küche verwendet werden darf. Hobbymykologen sind da schon akribischer und bemühen sich darum, alle Erscheinungsformen einer bestimmten Pilzart zu kennen und auch unterscheiden zu können.
Von Varietäten spricht man, wenn einer Typusform z.B. ein Farbgen fehlt, wir statt eines gelben oder grünen Pilzes plötzlich eine weisse Form vorfinden, die mit den genau gleichen Merkmalen versehen ist, wie die Typusform und sich auch mikroskopisch nicht gross von dieser unterscheidet. Solche Pilze werden im botanischen Namen dann mit dem Vermerk "var. alba" für "Weisse Form" versehen. Wir kennen das z.B. von der Weissen Form des Zitronenblättrigen Knollenblätterpilzes (Amanita citrina var. alba) wie auch von der Weissen Form des Grünen Knollenblätterpilzes (Amanita phalloides var. alba). Auf die Giftigkeit dieser Pilze hat das fehlende Pigment imho keinen Einfluss. Deshalb muss die weisse Form des Grünen Knollenblätterpilzes ebenso gefürchtet werden wie die Typusform und zählt wie diese zu den tödlichen Giftpilzen.

Auch der Echte Pfifferling variiert stark in seinem Aussehen und in seiner Lebensweise und wird darum in mehreren Formen beschrieben. Allerdings ist man sich uneinig darüber, wer mehr recht hat. Ist es der britische Mykologe E. J. H. Corner, der bereits im Jahr 1966 18 verschiedene Varietäten des Gemeinen Pfifferlings (Cantharellus cibarius) entdeckt haben will, oder ist es der deutsche Pilzforscher German Josef Krieglsteiner, laut dem es lediglich zwei Varietäten gibt, denen inzwischen auch ein taxonomischer Rang zugestanden wurde und die jetzt Artniveau haben: der Violettschuppige Pfifferling (Cantharellus amethysteus) und der Blasse Pfifferling (Cantharellus pallens). Dagegen erkennen Eyssartier & Buyck (2000) neben der Typusform sieben weitere Varietäten als Taxa an. Anhand neuerer genetischer Untersuchungen wurden einige dieser Varietäten bereits wieder revidiert oder zu anderen Arten zugehörig erklärt. Dadurch ist das Spektrum, in dem z.B. der Violettschuppige Pfifferling und der Blasse Pfifferling vorkommen können grösser und damit auch anfälliger für Verwechslungen geworden, was nicht schlimm ist, wenn man dabei innerhalb des Arten-Komplex der Pfifferlinge bleibt, wo sämtliche Arten essbar sind. Schlimmer wäre ein Verwechslung durch den Ölbaumpilz (Omphalotus olearius), der zu den schlimmeren Giftpilzen zählt.

Bea

bfu.0051Nomenklatur der Pilze...PILZE waren zu allen Zeiten sehr schwierig in irgendwelchen Auflistungen zu taxieren. Di...
28/10/2021

bfu.0051

Nomenklatur der Pilze...

PILZE waren zu allen Zeiten sehr schwierig in irgendwelchen Auflistungen zu taxieren. Die Klassifizierung impliziert eine strikte Unterteilung der Lebensformen in bestimmte, klar umrissene , den sog. Taxa. (sing. Taxon). Diese Elemente werden hierarchisch in einem organisierten und geordneten System verteilt. Mit anderen Worten, sie sind einander untergeordnet und befinden sich auf verschiedenen Ebenen, die als bezeichnet werden. Dadurch werden Pilze zu einem unabhängigen Reich lebender Organismen isoliert, dem der Name "Fungi" gegeben wurde, was dem lateinischen Begriff für Pilz entspricht.

Zu der Zeit als die Taxonomie entstanden ist, wurden Pilze noch als Pflanzen bezeichnet. Dies erklärt warum in der "Taxonomie der Pilze" die gleiche Nomenklatur gilt, wie man sie auch im Reich der Pflanzen (Plantae) findet.

Die Nomenklatur ist in folgende Ränge unterteilt: Abteilungen, Klassen, Ordnungen, Familien, Gattungen und Arten. Je nach Artenaufkommen können die Ränge zusätzlich in Zwischenstufen unterteilt sein, die dann als Subsektion oder Unterstufe des jeweiligen Ranges ausgewiesen sind.

Orientiert man sich Beispiel des Eierschwammes (Cantharellus cibarius), sieht die Nomenklatur in der "Taxonomie der Pilze" wie folgt aus:

Abteilung: Ständerpilz (Basidiomycota)
Klasse: Agaricomycetes
Unterklasse: unsichere Stellung (incertae sedis)
Ordnung: Pfifferlingsartige (Cantharellales)
Familie: Pfifferlingsverwandte (Cantharellaceae)
Gattung: Pfifferlinge (Cantharellus)
Art: Echter Pfifferling

Die Gattung der Pfifferlinge ist aktuell weltweit mit 18 Arten vertreten, von denen aktuell 8 auch in Europa gefunden werden können, sodass für einen gefunden Pilz mehrere Verwechslungspartner in Betracht gezogen werden müssen. Unendlich mehr kommen dazu, wenn nicht sicher ist ob es sich bei den gefundenen Pilz wirklich um Echte Pfifferlinge handelt, auch noch andere Pfifferlingsverwandte dafür in Frage kommen können, wie z.B. der Trompetenpfifferling. Wurde am Ende gar der Falsche Pfifferling gefunden, würde uns das nicht nur in eine komplett andere Ordnung bringen, wir müssten uns dann auch noch in eine andere Unterklasse bemühen. Der Falsche Pfifferling wird heute zur Gattung der Afterleistlinge gezählt, die Bestandteil der Ordnung der Dickröhrlingsartigen (Boletales) ist. Für einen Laien oder Anfänger ist diese Zuteilung schwer nachvollziehbar, da der Falsche Pfifferling eine lamellenartige Fruchtschicht besitzt, optisch also dem Aussehen eines Blätterpilzes entspricht.

Bea

bfu.0050System von Adl et al.Seit dem Aufkommen der Evolutionstheorie ist man bestrebt, dieses teilweise künstliche Syst...
28/10/2021

bfu.0050

System von Adl et al.

Seit dem Aufkommen der Evolutionstheorie ist man bestrebt, dieses teilweise künstliche System in ein natürliches System umzubauen, das die Abstammungsverhältnisse (Phylogenetik) besser widerspiegelt. Dabei spielte zunächst die Homologisierung von Organen eine große Rolle. Seit den 1970er Jahren untersucht man den Aufbau der Proteine, um daraus Hinweise auf den Verwandtschaftsgrad abzuleiten. Dazu werden nicht nur morphologische und anatomische, sondern auch biochemische (Chemosystematik), physiologische, cytologische und ethologische Merkmale herangezogen. Vor allem wird die genetische Ähnlichkeit benutzt, um Verwandtschaftsbeziehungen direkt am Erbgut festzustellen.

Wie wichtig die Rolle der Systematik für das das Verständnis der Geschichte der Organismen ist, beschreibt bereits Charles Darwinsehr anschaulich in seinem Buch "Entstehung der Arten". Die Einteilung der Lebewesen in Systematiken ist kontinuierlicher Gegenstand der Forschung. Obwohl die Systematik der Eukaryoten in großen Teilen instabil und umstritten ist, gilt aktuell die auf Adl et al. 2005 basierende und 2012 revidierte Klassifikation. Die neueste Ausgabe wurde 2019 publiziert.

Das System von Adl et al. basiert vornehmlich auf phylogenetischen Untersuchungen und ist entsprechend aufgebaut. Es enthält somit keine Kategoriebezeichnungen der verschiedenen Taxa und benennt auf gleicher Ranghöhe Organismengruppen, die entsprechend der klassischen Systematik auf unterschiedlichen taxonomischen Ebenen angesiedelt werden. Auf der anderen Seite verzichtet die Systematik auf eine strikte Darstellung von Schwestergruppenverhältnissen in Form von reinen Dichotomien.

Bea

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