04/09/2025
„Importierte Gewalt?“ – Wie AfD und Rechtsextreme Häusliche Gewalt instrumentalisieren, und was die Fakten sagen:
⚠️ Rechtsextreme Akteure – darunter die AfD – nutzen das Thema häusliche Gewalt, Gewalt gegen Frauen und Femizide regelmäßig, um Ressentiments gegen Migrant*innen zu schüren. Dabei werden Polizeistatistiken selektiv zitiert, Begrifflichkeiten verdreht und Frauenhaus-Daten falsch interpretiert. Dieser Artikel ordnet ein: Was zeigen die belastbaren Zahlen? Wo werden Korrelationen als Kausalitäten verkauft? Und warum ist die Erzählung von der „importierten Gewalt“ irreführend.
➡️ Die Faktenlage: Häusliche Gewalt in Deutschland:
- Ausmaß und Trend: 2023 registrierte die Polizei 256.276 Opfer häuslicher Gewalt; rund 70 % davon sind weiblich. Gegenüber 2022 ist das ein Plus von 6,5 %. Im polizeilichen Unterfeld „Partnerschaftsgewalt“ wurden 138.000 bis 167.865 weibliche Opfer erfasst – ein Höchststand. Das BKA weist zugleich darauf hin, dass die Erfassung seit 2022 auf den größeren Bereich „Häusliche Gewalt“ erweitert wurde (Partnerschaftsgewalt und innerfamiliäre Gewalt).
- Täterbild: Bei häuslicher Gewalt sind rund drei von vier Tatverdächtigen männlich – auch 2023. Das BMI fasst das im Zuge der Veröffentlichung des Bundeslagebilds so zusammen.
- Tötungsdelikte/Femizide: 2023 wurden 938 Mädchen und Frauen Opfer von versuchten oder vollendeten Tötungsdelikten; 360 davon endeten tödlich. In Beziehungen wurden 2023 155 Frauen von (Ex-)Partnern getötet. (Hinweis: „Femizid“ ist kein eigener Straftatbestand, wird aber als geschlechtsspezifisch motivierte Tötung von Frauen wissenschaftlich, medial und politisch diskutiert.)
➡️ Was Rechtsextreme daraus machen – typische Erzählmuster:
1. „Importierte Gewalt“: Straftaten gegen Frauen würden „maßgeblich von Ausländern“ begangen. Dafür werden häufig PKS-Zahlen zu Tatverdächtigen mit ausländischer Staatsangehörigkeit herangezogen – ohne den Kontext zu erklären (siehe unten).
2. Cherry Picking: Einzeljahre, einzelne Deliktsgruppen oder einzelne Städte werden herausgegriffen, um ein generelles Narrativ zu stützen – entgegen der Gesamtentwicklung und ohne methodische Hinweise des BKA zu erwähnen.
3. Verwechslung von Kategorien: Partnerschaftsgewalt, innerfamiliäre Gewalt, sexuelle Gewalt im öffentlichen Raum, „Femizide“ – all das wird in Posts und Reden oft vermischt, obwohl die Datengrundlagen und Risikofaktoren jeweils verschieden sind.
4. Frauenhauszahlen als „Beweis“: Hohe Anteile nichtdeutscher Bewohnerinnen in Frauenhäusern werden als „Beleg“ für importierte Gewalt ausgegeben – ohne zu sagen, dass Frauenhäuser keine Vollerhebung sind, kein Delikt belegen und Platzmangel, Wohnungsnot, Aufenthaltstitel, soziale Netze maßgeblich beeinflussen, wer Schutzplätze tatsächlich nutzt.
➡️ Korrelation vs. Kausalität – was die PKS (nicht) sagt:
- Tatverdächtigen-Status ≠ Schuldnachweis: Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) zählt Tatverdächtige, keine Verurteilungen. Sie misst polizeiliches Hellfeld, nicht die wahre Kriminalität. Wer häufiger kontrolliert, angezeigt oder angezeigt werden kann (z. B. weil er/sie in Gemeinschaftsunterkünften lebt), erscheint eher in der PKS. Das ist Korrelation, keine Kausalität.
- Überrepräsentanz erklärbar: Seriöse Einordnungen (bpb, Mediendienst Integration) zeigen: Eine statistische Überrepräsentanz bestimmter Gruppen bei einigen Delikten lässt sich u. a. durch Strukturfaktoren (z. B. Alter: junge Männer begehen generell überdurchschnittlich viele Gewaltdelikte; soziale Benachteiligung, beengte Unterkünfte, fehlende soziale Netze) mit erklären – sie „beweist“ nicht kulturell determinierte Gewalt.
- Messänderungen & Anzeigeverhalten: Steigende Fallzahlen können auch durch bessere Erfassung, geringere Dunkelziffer (mehr Anzeigen, mehr Sensibilisierung) und erweiterte Deliktkataloge entstehen – nicht nur durch „mehr Gewalt“. Das BKA hat die Berichterstattung von „Partnerschaftsgewalt“ auf das umfassendere Lagebild „Häusliche Gewalt“ umgestellt.
- Was die Zahlen zur Herkunft der Täter*innen in der häuslichen Gewalt wirklich hergeben:
Mehrheit deutsch: Im Bereich häuslicher Gewalt sind die meisten Tatverdächtigen männlich und ein erheblicher Anteil hat deutsche Staatsangehörigkeit – pauschale Zuschreibungen an „Ausländer“ sind empirisch falsch verkürzend. (Das BMI bringt es 2024 auf die knappe Formel: „Die Opfer sind überwiegend Frauen – 70 %, und die Tatverdächtigen sind in drei von vier Fällen Männer.“)
⚠️ Differenzierter Blick nötig. ☝🏻 Wo Anteilswerte nichtdeutscher Tatverdächtiger höher liegen, sind Kontextfaktoren mitzudenken (Unterkünfte, Kontrolldichte, sozioökonomische Lage, Altersstruktur). Seriöse Einordnungen (bpb, Mediendienst) warnen vor monokausalen Kultur-Erklärungen.
➡️ Frauenhaus-Statistik: Was sie zeigt – und was nicht:
- Nicht vollständig, aber wichtig: Die bundesweite Frauenhaus-Statistik (FHK) basiert auf freiwilligen Meldungen – 2023 waren es 176 Häuser (ca. die Hälfte). Hochrechnung: rund 14.200 Frauen und 16.000 Kinder/Jugendliche fanden Schutz. Viele wurden mangels Plätzen abgewiesen. Das beschreibt Auslastung/Unterversorgung, nicht Täterprofile.
- Warum der Anteil nichtdeutscher Bewohnerinnen höher ist: FHK weist aus: In der Stichprobe hatten nur 36 % der Bewohnerinnen deutsche Staatsangehörigkeit. Das heißt nicht, dass „vor allem Ausländer Gewalt ausüben“, sondern spiegelt u. a. wider: fehlende Alternativunterkünfte, geringere Privatnetze vor Ort, Unsicherheiten beim Aufenthaltsstatus, Sprach-/Zugangsbarrieren – all das erhöht die Abhängigkeit vom Frauenhaus. FHK betont zudem mögliche Doppelzählungen bei Haus-Wechseln – ein weiterer Grund, die Zahlen nicht als Täter-Statistik zu missbrauchen.
⚠️ Femizide: Begriff, Debatte, Verzerrungen:
➡️ Begriffsklärung. „Femizid“ bezeichnet Tötungen an Frauen aufgrund ihres Geschlechts (z. B. Besitzansprüche, Kontrolle, Misogynie). In Polizeistatistiken laufen diese Fälle unter Tötungsdelikten; die Einordnung als „Femizid“ erfolgt analytisch/soziologisch. 2023 liegen die polizeilich genannten Opferzahlen und die partnerschaftsbezogenen Tötungen vor (s. o.). Wer behauptet, Deutschland erlebe primär „importierte Femizide“, ignoriert, dass Partnerschaftstötungen überwiegend innerdeutsch verübt werden und mit Trennungsgeschehen sowie Kontroll- und Besitzdenken korrelieren – nicht mit der Staatsangehörigkeit per se.
⚠️ Wie Desinformation zu Gewalt gegen Frauen funktioniert:
➡️ Emotionalisierung + Feindbild: Schockierende Einzelfälle werden mit Migration verknüpft; Kontext (z. B. Beziehungstat) und Mehrheitslage werden ausgeblendet. Faktencheck-Redaktionen dokumentieren diese Muster seit Jahren.
➡️ Statistik-Tricks: Auswahl einzelner Delikte/Orte/Jahre, Vermischung von Kategorien, Verwechslung von Tatverdächtigen mit Tätern oder Verurteilten, Ignorieren von Dunkelfeld und Erfassungseffekten.
➡️ Schein-Belege durch Frauenhauszahlen: Auslastung wird als „Beweis“ für „importierte Gewalt“ verkauft – obwohl Frauenhausdaten Hilfesystem-Nutzung abbilden, keine Täterherkunft.
⚠️ Was wirklich hilft – und worauf wir schauen sollten:
1. Gesetzliche Absicherung des Hilfesystems (z. B. ein Gewalthilfegesetz mit Rechtsanspruch auf Schutz, Ausbau von Plätzen, verlässliche Finanzierung), damit Platzmangel niemanden gefährdet.
2. Risikomanagement & Kooperation nach Istanbul-Konvention: systematische Gefährdungsbewertungen, Täterarbeit, Wohnungsverweise, Schutzanordnungen.
3. Prävention & Aufklärung: Beziehungskompetenz, frühe Hilfen, ökonomische Unabhängigkeit, Sprach- und Zugangsangebote für alle Betroffenen – unabhängig von Pass oder Herkunft.
4. Saubere Kommunikation: korrekte Verwendung von PKS-Begriffen; keine monokausalen Kultur-Erzählungen; Fokus auf strukturelle Risikofaktoren (Armut, Kontrolle, Trennungssituationen), nicht auf Feindbild-Politik.
✅ Checkliste: So erkennt man irreführende Behauptungen:
• Werden Tatverdächtige mit Schuldigen gleichgesetzt?
• Werden Partnerschafts-, innerfamiliäre und sonstige Gewalt durcheinandergeworfen?
• Fehlt der Hinweis auf Dunkelfeld und Messänderungen (z. B. neues Lagebild „Häusliche Gewalt“)?
• Werden Frauenhaus-Belegungen als „Täter-Herkunft“ gedeutet?
• Fehlt der Verweis auf Strukturfaktoren (Alter, Armut, Wohnsituation)?
(Wenn „Ja“: Vorsicht – wahrscheinlich Cherry Picking oder Desinformation.)
🆘️ Hilfe & Beratung:
Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ – 116 016 (rund um die Uhr, mehrsprachig, anonym). Online-Beratung: hilfetelefon.de.
⬇️ Aktuelle Femizide in D. 🥺🕯🥀 Stand 01.01.2025 bis 04.09.2025: ⬇️
90 Frauen,
Dabei: 2 Kleinkinder (1), 1 Mädchen (15), 2 Jungen (16, 17).
Weitere 94 Frauen, zwei Mädchen, (5 und 10) und zwei Jungen (10) wurden zum Teil sehr schwer verletzt, sowie 11 Frauen, und 1 Mädchen (15) mit dem Tod bedroht.