16/05/2014
Seminarankündigung:
Anfänge der Dialektik in Marx‘ Kritik der politischen Ökonomie
Zweitägiger Workshop mit Hans-Georg Backhaus
Samstag, den 21.06. bis Sonntag, den 22.06.2014 in Frankfurt am Main
Seit einiger Zeit ist eine Verschiebung in den Debatten über die gegenwärtige Wirtschaftsordnung zu beobachten. Der vermeintlich neutrale Jargon des postideologischen Zeitalters wird verdrängt zugunsten längst überwunden geglaubter Terminologie. Man redet nicht von „Marktwirtschaft“, sondern gibt dem diffusen Unbehagen gegenüber der in die Krise geratenen Ökonomie nach und spricht wieder vom Kapitalismus oder gar – mit wohligem Schauer – vom „Raubtierkapitalismus“ (Helmut Schmidt). Die Renaissance dieses Begriffs ändert aber meist wenig daran, dass lediglich die mitschwingende Implikation eines außer Kontrolle geratenen Wirtschaftswachstums betont werden soll. Über dessen systematische Ursachen ist man weder in der Lage noch gewillt, auch nur irgendeine Aussage zu treffen. Besonders gilt dies paradoxerweise für die vermeintlichen Expertinnen und Experten, sprich die ökonomische Zunft. Der durchschnittliche Ökonom bleibt, wie schon bei Marx, „als Ökonom [...] befangen im bürgerlichen Fetischismus“, was am deutlichsten wohl in der völligen Abkehr der Wirtschaftswissenschaften von der Klärung ihrer Grundfragen – was ist Wert, was Kapital? – erkennbar ist. Wenn er jedoch bewusstlos verwandt wird, ist der Begriff des Werts – das „Schmerzenskind“ (Max Weber) der wirtschaftswissenschaftlichen Disziplin – selbst schon Fetisch. Weil sie den Wert positivistisch bloß quantitativ nimmt, ist die bürgerliche Ökonomie eine wesentlich statische, der Kapitalbegriff darum ihr wunder Punkt. Den oben angedeuteten Wachstumszwang, der gesellschaftliche Dynamik impliziert, vermag sie nicht zu erklären. Im Gegensatz zu den positivistischen Wirtschaftswissenschaften konnte Adorno das „Wesensgesetz“ des Bestehenden darin erkennen, dass es „sich überhaupt nur dadurch erhalten kann, daß es sich erweitert und daß es sich ausbreitet.“
Schon für Marx folgte aus der Unfähigkeit der Wirtschaftswissenschaften, eine Kritik ihrer Kategorien zu üben, dass die Ökonomen „keinen Satz aussprechen können, ohne sich selbst zu widersprechen“, weswegen er sich zu einer umfassenden „Kritik des Gesamtsystems der ökonomischen Kategorien“ gezwungen sah. Im Workshop soll daher versucht werden, sich gemeinsam mit dem Referenten ein Verständnis für die grundlegenden Begriffe der Marx‘schen Kritik der Politischen Ökonomie – Wert, Geld, Kapital, Widerspruch, Fetischismus, Tausch – zu erarbeiten.
Der Referent: Hans-Georg Backhaus studierte in den 60er Jahren bei Theodor W. Adorno und Max Horkheimer, wo er begann sich mit der Marxschen Werttheorie auseinanderzusetzen. Zusammen mit Helmut Reichelt gilt er als Begründer der Neuen Marx-Lektüre. Er veröffentlichte zahlreiche Aufsätze zu Marx’ Kritik der politischen Ökonomie, von denen die meisten im Band Dialektik der Wertform (ça ira-Verlag, 1997) enthalten sind. Ein weiterer Sammelband (Marx, Adorno und die Kritik der Volkswirtschaftslehre, ebenfalls bei ça ira) erscheint in Kürze.
Die Plätze sind begrenzt. Anmeldung unter: backhausseminar [at] gmail.com