09/09/2026
𝗞𝗮𝗹𝗲𝗻𝗱𝗲𝗿𝗯𝗹𝗮𝘁𝘁: 9. September 1989
𝗪𝗼𝗰𝗵𝗲𝗻𝘁𝗮𝗴: Samstag
𝗪𝗲𝘁𝘁𝗲𝗿: (Thüringen/Mitteleuropa): Spätsommerlich mild und trocken. Über der DDR lag ein Hochdruckgebiet, das für heiteres bis leicht bewölktes Wetter sorgte. Temperaturen: Höchstwerte zwischen 20 °C und 23 °C.
Das "Neue Forum" war die erste flächendeckende und mit Abstand bedeutendste Bürgerbewegung der Friedlichen Revolution in der DDR. Während die Initiative in Berlin entstand, entwickelte sich Thüringen – mit seinen lebendigen kirchlichen Oppositionsnetzwerken in Erfurt, Jena, Weimar und Gera – extrem schnell zu einem der aktivsten Zentren der Bewegung.
𝟭. 𝗚𝗿𝘂̈𝗻𝗱𝘂𝗻𝗴 𝘂𝗻𝗱 𝗱𝗶𝗲 𝗜𝗻𝗶𝘁𝗶𝗮𝗹𝘇𝘂̈𝗻𝗱𝘂𝗻𝗴 (𝗦𝗲𝗽𝘁𝗲𝗺𝗯𝗲𝗿 𝟭𝟵𝟴𝟵)
Am 9./10. September 1989 trafen sich 30 Bürgerrechtlerinnen und Bürgerrechtler (darunter Bärbel Bohley, Jens Reich und Katja Havemann) im grün-heide'schen Haus in Grünheide bei Berlin und verfassten den Gründungsaufruf „Aufbruch 89".
𝗗𝗮𝘀 𝗔𝗻𝗹𝗶𝗲𝗴𝗲𝗻: Das Neue Forum wollte keine Partei sein, sondern eine politische Plattform für den Dialog über Demokratie, Ökologie, Rechtsstaatlichkeit und soziale Gerechtigkeit.
𝗗𝗲𝗿 𝗞𝗲𝗿𝗻-𝗦𝗮𝘁𝘇: „In unserem Land ist die Kommunikation zwischen Staat und Gesellschaft offensichtlich gestört.“
𝗗𝗶𝗲 𝗥𝗲𝗮𝗸𝘁𝗶𝗼𝗻 𝗱𝗲𝘀 𝗥𝗲𝗴𝗶𝗺𝗲𝘀: Das DDR-Innenministerium erklärte das Neue Forum am 21. September 1989 für staatsfeindlich und verfassungswidrig. Der Verbotsversuch bewirkte jedoch das exakte Gegenteil: Er wirkte wie eine Beschleunigung.
𝟮. 𝗗𝗶𝗲 𝗢𝗿𝗴𝗮𝗻𝗶𝘀𝗶𝗲𝗿𝘂𝗻𝗴 𝗶𝗻 𝗧𝗵𝘂̈𝗿𝗶𝗻𝗴𝗲𝗻
Trotz des Verbots und der Gefahr einer Festnahme durch die Stasi organisierten sich Bürger in Thüringen mit beeindruckender Zivilcourage.
𝗗𝗲𝗿 𝗴𝗲𝘀𝗰𝗵𝘂̈𝘁𝘇𝘁𝗲 𝗥𝗮𝘂𝗺 𝗱𝗲𝗿 𝗞𝗶𝗿𝗰𝗵𝗲: Da Versammlungen außerhalb staatlicher Kontrolle verboten waren, dienten Kirchen als Treffpunkte. In Erfurt wurde die **Ackerhofkirche** (und später die Kaufmannskirche) zum zentralen Knotenpunkt. In Jena waren es die Stadtkirche St. Michael und das evangelische Gemeindezentrum.
𝗗𝗶𝗲 𝗨𝗻𝘁𝗲𝗿𝘀𝗰𝗵𝗿𝗶𝗳𝘁𝗲𝗻𝗹𝗶𝘀𝘁𝗲𝗻 (𝗗𝗮𝘀 „𝗘𝗶𝗻𝘁𝗿𝗮𝗴𝗲𝗻“): Um Flagge zu zeigen, unterschrieben die Menschen den Aufruf „Aufbruch 89“ mit vollem Namen und Adresse. Diese Listen wurden heimlich vervielfältigt und weitergereicht. Innerhalb weniger Wochen unterzeichneten in Thüringen Zehntausende – ein immenses persönliches Risiko, da Unterschriftenlisten von der Stasi konfisziert wurden.
𝗗𝗲𝘇𝗲𝗻𝘁𝗿𝗮𝗹𝗲 𝗞𝗼𝗻𝘁𝗮𝗸𝘁𝘀𝘁𝗲𝗹𝗹𝗲𝗻: In fast jeder thüringischen Stadt bildeten sich Sprecherräte. Bürgerrechtler wie Matthias Sengewald (Erfurt) oder Roland Jahn und Initiativen im Umfeld der Offenen Arbeit (Jena) bauten Informationsnetze auf.
𝟯. 𝗩𝗼𝗺 𝗗𝗶𝗮𝗹𝗼𝗴 𝘇𝘂𝗿 𝗠𝗮𝘀𝘀𝗲𝗻𝗯𝗲𝘄𝗲𝗴𝘂𝗻𝗴 (𝗢𝗸𝘁𝗼𝗯𝗲𝗿–𝗡𝗼𝘃𝗲𝗺𝗯𝗲𝗿 𝟭𝟵𝟴𝟵)
𝗙𝗹𝘂𝗴𝗯𝗹𝗮̈𝘁𝘁𝗲𝗿 & 𝗜𝗻𝗳𝗼𝗿𝗺𝗮𝘁𝗶𝗼𝗻
Unterdrucke, Matrizen und Vervielfältigungsgeräte aus Kirchenkellern wurden genutzt, um Informationsblätter herzustellen und Flugblätter in Briefkästen zu werfen.
𝗧𝗿𝗮̈𝗴𝗲𝗿 𝗱𝗲𝗿 𝗗𝗲𝗺𝗼𝗻𝘀𝘁𝗿𝗮𝘁𝗶𝗼𝗻𝗲𝗻
Das Neue Forum organisierte zusammen mit Kirchenvertretern die Montagsdemonstrationen in Erfurt, Jena, Gera, Weimar, Suhl, Nordhausen und Eisenach. Die Sprecher des Neuen Forums traten auf den Kundgebungen auf und forderten Gewaltfreiheit.
𝗭𝘂𝗹𝗮𝘀𝘀𝘂𝗻𝗴 𝗮𝗺 𝟴. 𝗡𝗼𝘃𝗲𝗺𝗯𝗲𝗿
Unter dem gewaltigen Druck der Straße musste die geschwächte SED-Führung am 8. November 1989 das Neue Forum schließlich offiziell als Vereinigung anerkennen. |
𝟰. 𝗗𝗶𝗲 𝗠𝗮𝗰𝗵𝘁𝘂̈𝗯𝗲𝗿𝗻𝗮𝗵𝗺𝗲 𝗮𝗻 𝗱𝗲𝗿 𝗕𝗮𝘀𝗶𝘀 & 𝗥𝘂𝗻𝗱𝗲𝗿 𝗧𝗶𝘀𝗰𝗵
Nach dem Fall der Mauer übernahm das Neue Forum Verantwortung vor Ort:
𝗞𝗼𝗻𝘁𝗿𝗼𝗹𝗹𝗲 𝗱𝗲𝗿 𝗠𝗮𝗰𝗵𝘁: Mitglieder des Neuen Forums saßen in den ab Dezember 1989 gebildeten "Runden Tischen" auf Bezirks- und Kommunalebene in Thüringen.
𝗔𝘂𝗳𝗱𝗲𝗰𝗸𝘂𝗻𝗴 𝘃𝗼𝗻 𝗦𝘁𝗮𝘀𝗶 & 𝗞𝗼𝗿𝗿𝘂𝗽𝘁𝗶𝗼𝗻: Das Neue Forum trieb die Besetzung der Stasi-Bezirksverwaltungen (wie am 4. Dezember in Erfurt) maßgeblich mit voran, um die Vernichtung der Akten zu stoppen.
𝗕𝗲𝗱𝗲𝘂𝘁𝘂𝗻𝗴𝘀𝘃𝗲𝗿𝗹𝘂𝘀𝘁 𝟭𝟵𝟵𝟬: Mit der Vorbereitung der ersten freien Volkskammerwahl im März 1990 wandelte sich die politische Landschaft. Das Neue Forum blieb als Bewegung skpeltisch gegenüber dem raschen Beitritt zur BRD und verlor bei den Wahlen gegenüber den West-Parteien (insbesondere der Allianz für Deutschland / CDU) an Einfluss.
𝗗𝗲𝗿 𝗚𝗿𝘂̈𝗻𝗱𝘂𝗻𝗴𝘀𝗮𝘂𝗳𝗿𝘂𝗳 𝗱𝗲𝘀 𝗡𝗲𝘂𝗲𝗻 𝗙𝗼𝗿𝘂𝗺𝘀 𝘃𝗼𝗺 𝟵./𝟭𝟬. 𝗦𝗲𝗽𝘁𝗲𝗺𝗯𝗲𝗿 𝟭𝟵𝟴𝟵 𝗺𝗶𝘁 𝗱𝗲𝗺 𝗧𝗶𝘁𝗲𝗹 „𝗔𝘂𝗳𝗯𝗿𝘂𝗰𝗵 ’𝟴𝟵“ 𝗯𝗲𝗴𝗮𝗻𝗻 𝗺𝗶𝘁 𝗱𝗲𝗿 𝗯𝗲𝗿𝘂̈𝗵𝗺𝘁𝗲𝗻 𝗞𝗿𝗶𝘀𝗲𝗻𝗮𝗻𝗮𝗹𝘆𝘀𝗲 𝗱𝗲𝗿 𝗗𝗗𝗥-𝗚𝗲𝘀𝗲𝗹𝗹𝘀𝗰𝗵𝗮𝗳𝘁:
„In unserem Land ist die Kommunikation zwischen Staat und Gesellschaft offensichtlich gestört. Wir erleben eine tiefe Krise, die alle Bereiche des öffentlichen Lebens erfasst hat. Wirtschaft, Staat und Justiz, Kultur, Bildung und Gesundheitswesen stecken in einer Stagnation, die das Vertrauen der Bürger in die Handlungsfähigkeit unserer Institutionen erschüttert.“
𝗗𝗶𝗲 𝗞𝗲𝗿𝗻𝗽𝗮𝘀𝘀𝗮𝗴𝗲𝗻 𝘂𝗻𝗱 𝗭𝗶𝗲𝗹𝗲 𝗱𝗲𝘀 𝗔𝘂𝗳𝗿𝘂𝗳𝘀 𝘂𝗺𝗳𝗮𝘀𝘀𝘁𝗲𝗻 𝗳𝗼𝗹𝗴𝗲𝗻𝗱𝗲 𝗣𝘂𝗻𝗸𝘁𝗲:
𝗙𝗼𝗿𝗱𝗲𝗿𝘂𝗻𝗴 𝗻𝗮𝗰𝗵 𝗲𝗶𝗻𝗲𝗺 𝗳𝗿𝗲𝗶𝗲𝗻 𝗴𝗲𝘀𝗲𝗹𝗹𝘀𝗰𝗵𝗮𝗳𝘁𝗹𝗶𝗰𝗵𝗲𝗻 𝗗𝗶𝗮𝗹𝗼𝗴: Der Aufruf konstatierte, dass wichtige Probleme jahrelang verschwiegen statt gelöst wurden. Die Initiatoren forderten ein umfassendes, von staatlicher Bevormundung freies Gespräch über die Zukunft des Landes: „Wir brauchen in unserem Land eine demokratische Diskussion über die Probleme unserer Gesellschaft, und diese Diskussion muss von allen Schichten geführt werden.“
𝗞𝗹𝗮𝗿𝘀𝘁𝗲𝗹𝗹𝘂𝗻𝗴 𝘇𝘂𝗺 𝗖𝗵𝗮𝗿𝗮𝗸𝘁𝗲𝗿 𝗱𝗲𝗿 𝗕𝗲𝘄𝗲𝗴𝘂𝗻𝗴: Das Neue Forum verstand sich ausdrücklich nicht als Partei, sondern als offene politische Plattform. Es wandte sich an alle Bürger, die bereit waren, Verantwortung zu übernehmen: „Wir rufen dazu auf, gemeinsam über Wege zur Erneuerung nachzudenken und aktiv zu werden.“
𝗕𝗲𝗸𝗲𝗻𝗻𝘁𝗻𝗶𝘀 𝘇𝘂 𝗗𝗲𝗺𝗼𝗸𝗿𝗮𝘁𝗶𝗲 𝘂𝗻𝗱 𝗥𝗲𝗰𝗵𝘁𝘀𝘀𝘁𝗮𝗮𝘁𝗹𝗶𝗰𝗵𝗸𝗲𝗶𝘁: Gefordert wurden die rechtliche Absicherung bürgerlicher Freiheiten, die Reform des Wahl- und Justizsystems sowie Transparenz in Staat und Wirtschaft.
Unterzeichnet wurde der historische Text von 30 Erstunterzeichnern, darunter bekannten Bürgerrechtlern wie Bärbel Bohley, Jens Reich, Katja Havemann, Sebastian Pflugbeil und Erhard Neubert.