10/09/2015
Bericht zur Veranstaltung des SoPoFo am 08.09. (endgültige Fassung)
_Aktuelle Situation der Flüchtlingen im Lkr. Erding_
Nach der Begrüßung und einer kurzen Einleitung übers Sozialpolitische Forum und den Rahmen der heutigen Veranstaltung erzählte Maria Brand, erste Sprecherin im dreiköpfigen Sprecherrat der Arbeitsgruppe Asyl (AGA) über ihren Weg, und wie es zur Arbeitsgruppe kam. Schon vor 24 Jahren sei sie in der Flüchtlingshilfe in München aktiv gewesen, nachdem sie vorher bereits am Flughafen München Flüchtlinge bei ihrer Ankunft aber auch ihrer Abschiebung erlebte. An einem ihrer ersten Tage als Ehrenamtliche in Erding fand sie im Dezember 2011 Nazi-Symbole an der Tür der ersten Erdinger Unterkunft. In dieser Anfangsphase ihres Ehrenamtes lernte sie die ebenfalls anwesende Übersetzerin Beate Marx-Götz kennen und bald darauf Annemarie Walther, welche die Asylunterkunft in Grucking betreut. Der Kreis wuchs weiter; inzwischen gehören acht Personen dem Sprecherrat an, darunter, ebenfalls mit in der Runde, Angelika Hofmann. Aber auch Alex, Christian und Doris gehörten dazu. Zum Stamm gehören aber auch andere, wie Norbert, Lia, Christel, Peter oder Chrissy, die u.a. die Kleiderkammer organisieren. Wieder andere, die mehr oder weniger regelmäßig Zeit fänden, um zumindest ein paar Stunden pro Woche oder auch nur einige Tage pro Monat auszuhelfen; oder solche, die sagen: "Wenn es brennt, ruf an, dann sind wir da!".
Innerhalb der letzten drei Jahre haben sich über den Kreis der AGA ganz wichtige Strukturen aufgebaut. Mit den Aufgaben ist aber auch die Notwendigkeit einer optimalen Kommunikation zwischen den kommunalen Stellen und den Ehrenamtlichen gewachsen. Hier gäbe es noch Defizite, da man vom Landratsamt oft erst spät über Neuankömmlinge informiert würde; sowie darüber, an welchen Orten Unterkünfte entstehen oder Flüchtlinge untergebracht würden. Lange dachte man dort, die Arbeit könnte allein von den 3 - 4 Sozialarbeiterinnen bewältigt werden. Da diese die Unterkünfte aber nur einmal pro Woche für ca 1 - 2 Std. besuchen können, liegt die Hauptlast der Betreuung und Begleitung inzwischen längst bei den Ehrenamtlichen. Dabei sei es gerade auch in Orten wie Grucking oder Winkl (im "hintersten Winkel" des Lkr. ED) wichtig, bereits frühzeitig ein positives Grundgefühl in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft zu schaffen; etwa durch Gelegenheiten, die Ortsansässigen mit den Flüchtlingen vertraut zu machen; so wie dies den Helfern in Winkl zwischen eritreischen Asylbewerbern und der Bevölkerung mit einem orthodoxen Osterfest gelang. Martin Kern, Gemeinderat aus Buch a. B. berichtete, dass derzeit wohl in allen Kommunen nach Wohnraum gesucht wird. 1,5 % der Einwohner müssten pro Kommune aufgenommen werden; was für seine Gemeinde die weitere Unterbringung von acht Flüchtlingen bedeutet. Derzeit würde geprüft, ob die Aufgabe mit Hilfe leerstehender Gebäude oder Containern möglich sei.
Ein großes Problem seien auch die fehlenden Sprachkurse, zumindest für jene mit den größeren Chancen auf Bleiberecht, etwa Syrern und Afghanen. Afghanen, die nach Deutschland geflüchtet sind, weil sie für die Taliban oftmals als Kollaborateure des Westens gelten, hätten bzgl ihres Antrags derzeit deutlich längere Wartezeiten als Syrer; Flüchtlinge aus dem Balkan wiederum hätten kaum Chancen. Und während die Entscheidung bei manchen nur vier Monate dauert, warten andere mehr als 3 Jahre auf den Bescheid des Bundesamtes. Oft hängt die Zukunft der Menschen auch von unterschiedlichen Auffassungen der Richter am Verwaltungsgericht ab; so wie beim Bleiberecht durch Duldung vom Ermessensspielraum von Behördenmitarbeitern.
Dabei hatten viele der Flüchtlinge in den letzten Jahren schon genügend traumatische Erlebnisse. Viele Kinder; dem schwächsten Glied der Kette, hätten außer Krieg, Flucht und der beschwerlichen Reise, etwa per Boot und Schlepperbanden bisher nur Notunterkünfte erlebt, bevor sie beispielsweise in der Erdinger Erstaufnahme der Schulturnhalle der Berufsschule registriert wurden; um dann in Asylunterkünfte und Wohnheime weitergeleitet zu werden. Zwar gäbe es in München mit der Einrichtung REFUGIO e.V. auch eine spezielle Stelle für traumatisierte Flüchtlinge, die zur Finanzierung ihrer Arbeit aber von Spenden und Zuschüssen der Landeshauptstadt München und der Landkreise der Region abhängig ist - von Erding leider noch nichts erhält. Aufgrund der Knappheit der Mittel sind jedenfalls nur für einen kleinen Teil der am Schwersttraumatisierten Therapieangebote möglich.
Und aufgrund der knappen Mittel warten auch viele Jugendliche, die sich schon länger auf Schule und auf Deutschkurse freuen, in ihren beengten Wohnheimen vergeblich auf einen Berufsschulplatz im gerade neu beginnenden Schuljahr. "Wie soll man den Kindern das klar machen?" fragt eine Betreuerin der AGA, und meint, dass deutschlandweit zu viele professionelle, ausgebildete Lehrer mit der Zusatzausbildung „Deutsch als Fremdsprache“ fehlen. Zwar seien unbezahlte Laien jederzeit willkommen, könnten aber kein Ersatz für eine Schule oder für bezahlte ausgebildete Lehrkräfte sein. GrundschulrektorInnen reagieren höchst betroffen, wenn die pädagogisch nicht zu ersetzende und integrationsfördernde Mittagsbetreuung aus finanziellen Gründen zu entfallen droht; und die für Grucking zuständige Betreuerin erzählt, wie ausgewechselt ein Flüchtlingskind war, als es in den Kindergarten nach Fraunberg durfte. Dann aber wird der Weg zum Kindergarten zum Problem, und einmal mehr müssen die Ehrenamtlichen helfen. Überall fehlt es am Geld; vor allem für Kitas und Schulen, auch für Volkshochschulen.
Am Ende muss es aber auch darum gehen, in Erding und im Lkr. ED neuen Wohnraum zu schaffen; wobei keine Ghettos entstehen dürften, fordert Chrissy Hundhammer, ebenfalls in der AGA aktiv. Als Stadträtin angesprochen berichtete Petra Bauernfeind von aktuellen Überlegungen. Konkretere Gedanken gäbe es etwa an der Rotkreuzstraße.
Zwischendurch werden auch Bedenken geäußert. Norbert Prien befürchtet ein erneutes Erstarken von Pegida. In der Tat könnte auch die Konkurrenzsituation beim Wohnen sowie bzgl. künftiger Dumpinglöhne zum Problem werden. Die Wirtschaftslobby sei über den Schwung hoch motivierter Arbeitswillige jedenfalls hoch erfreut, da viele schon für geringen Lohn fast jeden Job annehmen würden. Obwohl der gesetzlich geltende Mindestlohn auch für Asylbewerber gilt und von der Arbeitsagentur überwacht wird, sollten die Gewerkschaften darauf achten, dass die Regeln im Sozial- und Lohnniveau nicht weiter ausgehöhlt würden.
Walter Koppe bot zum Ende an, beim nächsten SoPoFo am 13. Oktober das Thema Fluchtursachen zu diskutieren. Von diesem Abend bliebe ihm vor allem die Wichtigkeit des ersten Eindrucks in Erinnerung; um mit einer positiven Grundstimmung eine Vertrauensbasis zwischen Einheimischen und Flüchtlingen herzustellen. Richtig gut tat dabei auch das positive Bild, das vor wenigen Tagen vom Münchner Hauptbahnhof aus inzwischen bis nach Großbritannien und den USA vermittelt wurde: das Bild von "sympathischen Deutschen", und eben nicht den Lehrmeistern von Sparhaushalten. Vielleicht steckt diese Werbung für Humanität auch Menschen in anderen Ländern an, um es uns gleich zu tun, und auch anderswo eine Willkommenskultur zu schaffen, was dann wiederum auch die Verteilung der Flüchtlingsstöme international erleichtern helfen könnte. Das Problem insgesamt sei allerdings nur zu lösen, wenn die Welt nicht nur im Kleinen sondern auch weltweit friedlicher, gerechter und toleranteren würde.
Für den Nachschlag sorgte der Kabarettist Helmut Weyer. In Schwiizerdütsch stellte er fest, dass man auch in seinem Ländle schon über viele Jahre hinweg sehr viele Wirtschaftsflüchtlinge aufgenommen hätte. "Beispielsweise reiche Griechen", stellte einer aus den Reihen des SoPoFo fest.
Noch einige Zeit stand man in kleineren Gruppen zusammen; recht zufrieden mit dem Verlauf des Abends. Die AGA hatte ja schon in den vergangenen Jahren mit ähnlichen Veranstaltungen das Interesse der Bevölkerung für das Asylthema zu gewinnen versucht, der Andrang von Interessierten war damals aber eher bescheiden geblieben. Gemeinsam hat es nun funktioniert. Man möchte auch weiterhin in Kontakt zu bleiben.