16/06/2026
Meine, unsere Ente
Die Enten-Diplomatie: Wie man mit zwei Flaschen Wein das Baskenland erobert
von Henry Schmidt
Es gibt Autos, die bringen dich von A nach B. Und es gibt den Citroën 2CV – besser bekannt als „Die Ente“. Dieses Gefährt bewegte in den 1970er-Jahren nicht nur uns Saarländer, sondern vor allem unsere Sehnsüchte.
Unsere Basis war ein spartanisches Doppelzimmer in einem katholischen Studentenwohnheim in Saarbrücken. Kostenpunkt: 75 DM. Der Geruch von Freiheit roch damals allerdings nicht nach Weihrauch, sondern nach Benzin und Abenteuer. Für die astronomische Summe von 600 D-Mark – brüderlich geteilt, also 300 Mark pro Nase – erwarben mein Kumpel und ich keinen fahrbaren Untersatz, sondern ein Familienmitglied. Die Ente war frisch vom TÜV, brandneue Reifen und das unerschütterliche Gemüt eines dicken Hundes.
Mit atemberaubenden zwei Zylindern und einer Pferdestärke, die man fast an einer Hand abzählen konnte, machten wir uns auf, Europa zu erobern. Status? Unwichtig. Reisegeschwindigkeit? Entschleunigt genug, um die Kühe am Straßenrand persönlich zu grüßen. Genf, Zürich, Paris – die Ente schaukelte uns mit fünf Litern Verbrauch zuverlässig durch jede Kurve. Bis ins fernen Lissabon sollte es gehen.
Doch das Schicksal (oder der baskische Asphalt) hatte im Baskenland nahe Vitoria andere Pläne.
Plötzlich machte die Ente Geräusche, die stark an ein sterbendes Haushaltsgerät erinnerten. Zwangspause. Wo normale Autofahrer heute weinend den ADAC rufen, aktivierten wir das wichtigste Werkzeug der 70er-Jahre: unser pures Improvisationstalent.
Wir rollten den schaukelnden Patienten auf den Hof einer lokalen baskischen Kfz-Werkstatt. Spanisch? Konnten wir nicht. Baskisch? Erst recht nicht. Was wir hatten, war Hände, Füße, ein gewinnendes Lächeln und die universelle Währung des süßen Lebens: zwei Flaschen verdammt guten Wein.
Was folgte, war eine Meisterleistung der internationalen Diplomatie. Mit wilder Gestik und dem Vorzeigen der Weinflaschen erklärten wir den Werkstattbesitzer unsere Notlage. Die baskischen Mechaniker schauten erst auf die Ente, dann auf den Wein, dann auf uns – und fingen an zu lachen.
Der Deal des Jahrhunderts stand: Für zwei Flaschen Rioja bekamen zwei Saarländer nicht nur Asyl, sondern das gesamte Imperium der Werkstatt inklusive Hebebühne zur freien Verfügung gestellt. Während die Meister des Hauses sich wahrscheinlich den Wein schmecken ließen, schraubten wir wie die Profis an unserer Ente, bis sie wieder glücklich vor sich hin tuckerte.
Die Grenze im Kopf gab es nicht, die Grenze der Sprache war weggewischt – dank französischer Ingenieurskunst, baskischer Gastfreundschaft und saarländischem Charme. Lissabon, wir kamen!
Mehr Info:
PS. Georges Moustaki sang sein Lied "Portugal" (eine Adaption des Fado Tropical von Chico Buarque) kurz nach der Nelkenrevolution im Sommer 1974 live im Teatro Maria Matos in Lissabon
https://www.youtube.com/watch?v=5XG_C0oCNgI