16/07/2024
Ganz früh am Morgen muss İşcan* zur Anhörung beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge erscheinen.
Schon bei der Vorbereitung hat er erfahren: Die Anhörung zu seinem Asylantrag ist einer der wichtigsten Tage in seinem Leben. Hier muss er vor völlig Fremden innerhalb weniger Stunden detailreich vortragen, was ihn zur Flucht aus seiner Heimat gezwungen hat. Er muss hoffen, dass man ihm glaubt. Obwohl er viele Beweise gesammelt hat, beunruhigt ihn die Tatsache, dass sich an einem einzigen Termin seine ganze Zukunft entscheidet.
Schon um 4:00 Uhr wacht İşcan auf und kann gerade noch rechtzeitig feststellen, dass sein Zug auszufallen droht. Schnell bucht er eine frühere Verbindung, damit er pünktlich zur Anhörung erscheint. Die Anreise quer durch das Bundesland dauert selbst mit dem ICE über 2 Stunden. Mit Regionalzügen wäre es nicht zu schaffen gewesen.
Beim BAMF angekommen wird ihm ein Schreiben ausgehändigt: Die Anhörung findet heute doch nicht statt. Der Termin wird auf nächste Woche verschoben. Eine Erklärung erhält er hierfür nicht. İşcan muss den Rückweg antreten, die Anspannung bleibt.
Auch für die kommende Woche wird von ihm erwartet, dass er wieder auf eigene Kosten anreist.
Insgesamt machen die Reisekosten die Hälfte seiner Grundsicherung aus, es ist aber auch gerade die Mitte des Monats. Wie er sich in den kommenden Tagen etwas zu Essen kaufen soll, ist für ihn erst mal Nebensache. Zuerst braucht er ein Bahnticket für die Anhörung nächste Woche. Einer der wichtigsten Tage in seinem Leben.
Damit İşcan einen Teil seiner Sorgen los ist, übernehmen wir all seine Fahrtkosten und schauen auch, dass er bis zum Monatsende genug Lebensmittel hat. Warum seine Anhörung so kurzfristig verschoben wurde, bleibt wahrscheinlich ein Geheimnis des BAMF.
*Name geändert
Foto von cottonbro studio: pexels.com/de-de/foto/licht-mann-hande-kunst-4067768/