02/09/2026
„Die entscheidende Frage ist, für wen wir unsere Innenstadt entwickeln“
Kaum ein Thema nimmt im Celler Kommunalwahlkampf so viel Raum ein wie die Zukunft des ehemaligen Karstadt-Gebäudes. Parteien präsentieren Vorstellungen, bei Podiumsdiskussionen wird über Abriss, Neubau und die Pläne des Oberbürgermeisters gesprochen. Stephan Ohl, Ratsmitglied der Linken im Stadtrat, vermisst dabei inzwischen etwas Entscheidendes: die Grundlagen für all diese Festlegungen.
„Mich wundert, wie viele schon ziemlich genau wissen, was mit Karstadt passieren soll. Ich weiß es nicht. Und solange wesentliche finanzielle, wirtschaftliche und konzeptionelle Fragen nicht beantwortet sind, halte ich das auch für die verantwortungsvollere Position.“
Für Ohl beginnt die Debatte bereits mit der falschen Fragestellung. Es gehe nicht in erster Linie darum, was aus dem Karstadt-Gebäude werde:
„Die entscheidende Frage ist, für wen wir unsere Innenstadt entwickeln und welche Innenstadt Celle in 20, 30 oder 40 Jahren braucht. Erst danach können wir vernünftig entscheiden, was Karstadt dabei für eine Funktion übernehmen soll.“
Ein neues Quartier an dieser Stelle müsse über Jahrzehnte funktionieren. Dafür reiche weder ein attraktiver Architekturentwurf noch die Hoffnung, dass sich anschließend schon Investoren und Nutzer finden würden. Zunächst müsse geklärt werden, welche Angebote in der Celler Innenstadt langfristig gebraucht würden und für welche tatsächlich eine ausreichende Nachfrage bestehe.
Ohl: „Wer soll dort wohnen, wer soll dort einkaufen, arbeiten oder seine Freizeit verbringen? Brauchen wir zusätzlichen Einzelhandel – und wenn ja, welchen? Welche Rolle spielen Wohnen, Gastronomie, Dienstleistungen, Kultur, soziale Angebote und konsumfreie Räume? Und vor allem: Können sich die Menschen die dort entstehenden Angebote und Wohnungen überhaupt leisten? Das sind für mich als Linken keine Nebensächlichkeiten.“
Dabei dürfe das Karstadt-Areal nicht isoliert betrachtet werden. Neue Handels- und Gastronomieflächen könnten Auswirkungen auf bestehende Betriebe in der gesamten Innenstadt haben. Gleichzeitig müsse berücksichtigt werden, was eine möglicherweise lange Abriss- und Bauphase für die unmittelbar angrenzenden Geschäfte und Gastronomiebetriebe bedeute.
„Wir dürfen nicht am Ende ein tolles neues Quartier feiern und feststellen, dass wir auf dem Weg dorthin bestehende Strukturen geschädigt haben. Stadtentwicklung muss auch diejenigen im Blick haben, die heute schon da sind.“
Zur wirtschaftlichen Betrachtung gehöre deshalb weit mehr als die Wirtschaftlichkeit eines einzelnen Grundstücks. Entscheidend seien Kaufkraft, Bevölkerungsentwicklung und Kundenströme in der gesamten Stadt und im Landkreis. Die Frage müsse beantwortet werden, wer die zusätzlichen Angebote künftig tatsächlich nutzen solle.
Untrennbar damit verbunden sei die Mobilität. Eine attraktive Innenstadt könne dauerhaft nur funktionieren, wenn Menschen sie auch erreichen könnten.
„Wenn wir Menschen aus den Stadtteilen und dem Landkreis als Besucher, Kunden oder Beschäftigte gewinnen wollen, müssen wir darüber reden, wie sie morgens, abends und am Wochenende in die Innenstadt und wieder nach Hause kommen. Deshalb gehören Innenstadtentwicklung und ein attraktiver ÖPNV für mich zusammen.“
Auch die Entscheidung zwischen Erhalt, Umbau und Abriss müsse anhand nachvollziehbarer Kriterien getroffen werden. Wenn unterschiedliche Varianten finanziell in ähnlichen Größenordnungen liegen sollten, müssten neben den Kosten unter anderem Nachhaltigkeit, Ressourcenverbrauch, Bauzeiten, Belastungen für das Umfeld und die langfristige Nutzbarkeit berücksichtigt werden.
Und schließlich gebe es Fragen, die bislang öffentlich kaum beantwortet seien: Welche tatsächlichen Gesamtkosten und Verpflichtungen wären mit einem Erwerb verbunden? Welche Risiken übernimmt die Stadt? Was kostet der Weg vom heutigen Gebäude bis zu einem nutzbaren neuen Quartier? Welche Varianten wurden untersucht und miteinander verglichen?
Ohl will daraus ausdrücklich keine eigenen Zahlen ableiten:
„Ich kenne die Antworten auf viele dieser Fragen nicht. Aber genau das ist der Punkt. Ich wundere mich über Politikerinnen und Politiker, die im Wahlkampf schon Antworten präsentieren, obwohl wesentliche Entscheidungsgrundlagen jedenfalls öffentlich nicht vorliegen.“
Bereits im Mai hatte Ohl in der Karstadt-Debatte darauf verwiesen, dass sich die Zukunft der Innenstadt nicht daran entscheide, wie ein einzelnes Gebäude aussehe, sondern welche Angebote dort entstünden und ob Menschen die Innenstadt erreichen und gerne nutzen könnten. An dieser Position habe sich nichts geändert.
Deshalb fordert Ohl, vor einer weitreichenden Entscheidung die finanziellen, baulichen und konzeptionellen Grundlagen so weit wie rechtlich möglich öffentlich vorzulegen und die unterschiedlichen Entwicklungsvarianten nachvollziehbar gegenüberzustellen.
„Ein Architektenwettbewerb kann uns zeigen, wie Karstadt einmal aussehen könnte. Er beantwortet aber nicht, welche Innenstadt Celle in 40 Jahren braucht. Erst müssen wir wissen, für wen wir diesen Ort entwickeln, was dort dauerhaft funktionieren kann, wie die Menschen dorthin kommen und was das Ganze kostet. Dann können wir über Gebäude reden.“
Für Ohl gilt deshalb bei Karstadt eine einfache Reihenfolge:
„Erst die Menschen. Dann die Nutzung. Dann das Konzept. Und erst danach Beton.“