07/03/2022
Zur Rezeption der Maßnahmen aufgrund des russischen Angriffskrieges
Die Universität Bonn hat am Dienstag den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine verurteilt und sich mit der ukrainischen Bevölkerung solidarisiert. Wir begrüßen dies und schließen uns dem an. Die Universität kündigte in derselben Pressemitteilung an, sämtliche Kooperationen mit Hochschulen und Forschungseinrichtungen in Russland "einzufrieren". Genauere Angaben zur Bedeutung des Wortes und den Konsequenzen für den Austausch mit russischen Forscher*innen fehlen leider.
Diese Reaktion der Universität Bonn ähnelt den Stellungnahmen von anderen Institutionen: Sie bleibt unbestimmt und ihre konkrete Sinnhaftigkeit wird nicht näher erläutert. In der Zivilgesellschaft erfährt derzeit fast alles Unterstützung, was unter dem Motto "Solidarität mit der Ukraine" irgendeinen Ausschluss irgendetwas – gleich wie entfernt – Russischem beinhaltet. Im Mittelpunkt steht dabei vor allem eins: Man selbst will handeln. Nicht die Abwehr des russischen Angriffskrieges scheint im Fokus zu stehen, sondern die Bekämpfung des eigenen Ohnmachtsgefühls. Nur so lassen sich auch gewisse, sich selbst als Aufklärungsarbeit begreifende, Aktionen erklären, zu denen in den sozialen Netzwerken aufgerufen wird. Werden Russ*innen wirklich erst durch die von Deutschen auf Google verfassten Rezensionen russischer Restaurants an Informationen gelangen? Diese Zwecke treten hier anscheinend in den Hintergrund, denn sonst wäre aufgefallen, dass in Russland vor allem Yandex genutzt wird – und nicht Google. Unter dem Deckmantel der Ukraine-Solidarität beschäftigen sich die Deutschen in erster Linie mit sich selbst. So lässt sich erklären, dass die Beschlagnahmungen von Yachten russischer Milliardäre derart großen Anklang bei der deutschen Bevölkerung gefunden haben. Zwar begrüßen wir solche Beschlagnahmungen, doch üblicherweise sehen viele Bewohner*innen dieses Landes in staatlichem Zugriff auf Privateigentum keinen Akt der Gerechtigkeit, sondern das Schreckgespenst des Kommunismus. In der großen (Schaden-)Freude erscheint ein die Kritik am kapitalistischen System ersetzender Verdrängungsprozess. Einem großen Teil der Bevölkerung ist unwohl angesichts der weltweit enormen Ungleichverteilung von Kapital, jedoch wird der Kapitalismus als System weiterhin verteidigt – die Beherrschten identifizieren sich mit der Herrschaft. Doch endlich kann dieses Unwohlsein kompensiert werden: Es ist erlaubt sich zu freuen, denn genommen wird nur den "schlechten" Milliardären. Passenderweise werden diese auch als "Oligarchen" bezeichnet, um sie von anderen, scheinbar "rechtschaffenen" Milliardären unterscheiden zu können.
Wir hoffen, dass die Universität bei ihrer Ankündigung keine reine Symbolpolitik betrieben hat, sondern noch detaillierte Erläuterungen, welche Kooperationen eingefroren und inwieweit diese Maßnahmen den Kreml unter Druck setzen werden, folgen. Ansonsten bleibt die Sorge, dass es sich hierbei um eine Maßnahme handelt, die sich vor allem gegen russische Staatsbüger*innen richtet. Ähnliches ereignet sich derzeit auch beim Ausschluss von russischen Sportler*innen. Gerade im Individualsport werden, allein aufgrund der Herkunft, sämtliche Russ*innen ausgeschlossen, einschließlich jener, die sich bereits offen gegen das Putin-Regime äußerten. Natürlich sollte man Unterstützer*innen des Angriffskrieges isolieren, jedoch ist das Erzwingen öffentlicher "Bekenntnisse" von allen russischen Staatsbürger*innen geprägt von deutscher Ignoranz, da Meinungsfreiheit in Russland schon länger nicht mehr besteht und Kreml-Kritiker*innen brutale Repressionen drohen.
Unsere Solidarität gilt uneingeschränkt allen Menschen, die unter der Herrschaft Putins leiden. Das sind zurzeit vor allem die, die in der Ukraine leben und vom Angriffskrieg betroffen sind. Sie gilt aber auch den zahlreichen Menschen in Russland, die seit Jahrzehnten in einer sich immer deutlicher manifestierenden Diktatur leben; insbesondere queeren Menschen und politisch Oppositionellen, darunter über eintausend festgenommene Bürger*innen, die in den letzten Tagen friedlich gegen den Krieg demonstrierten. Bezüglich des Vorstoßes der Universität Bonn können wir daher nur der Abteilung für Osteuropäische Geschichte derselben zustimmen: "Wir bleiben den KollegInnen in der russischen Wissenschaft verbunden, die sich gegen den Krieg ausgesagt haben und sehen in der Aussetzung des wissenschaftlichen Dialogs einen Fehler. KollegInnen, die öffentlich Protest zeigen, dürfen gerade jetzt nicht aus der globalen wissenschaftlichen community ausgeschlossen werden."
Während es sich bei oben diskutierter Maßnahme möglicherweise um außenwirksamen Aktionismus mit fraglichem Nutzen handelt, begrüßen wir die Einrichtung der Hotline zur Unterstützung von ukrainischen und russischen Studierenden seitens der Universität Bonn. Wir hoffen, dass sich die Universität auch den Bestrebungen anderer Universitäten, wie Tel Aviv oder Haifa, anschließt und zügig Stipendien und Unterkünfte für ukrainische Studierende und Wissenschaftler*innen bereitstellt sowie nach Möglichkeit außerplanmäßige Stellen für letztere an der Universität schafft.