17/09/2026
Brest-Litowsk 1939: Als Wehrmacht und Rote Armee gemeinsam paradierten
📢 Podiumsdiskussion über den Hitler-Stalin-Pakt und die Gewaltgeschichte Ostmitteleuropas
Am 22. September 1939 marschierten deutsche und sowjetische Soldaten zu einer gemeinsamen Parade in der polnischen Stadt Brest-Litowsk auf. Die Wehrmacht hatte die Stadt erobert und übergab sie – wie zuvor vereinbart – an die Rote Armee. Diese war am 17. September von Osten in das Land eingerückt, das Deutschland bereits am 1. September überfallen hatte. Sechs Tage nach der Parade besiegelten das Deutsche Reich und die Sowjetunion mit dem Deutsch-Sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrag die Zerschlagung und Aufteilung Polens, das zum ersten Opfer des Zweiten Weltkriegs wurde.
Den Weg in diesen Krieg hatte der Hitler-Stalin-Pakt vom 23. August 1939 geebnet. In einem geheimen Zusatzprotokoll hatten sich das nationalsozialistische Deutschland und die Sowjetunion darauf verständigt, weite Teile Ostmitteleuropas in deutsche und sowjetische Interessensphären aufzuteilen.
Das Abkommen verschaffte beiden Diktaturen fast 22 Monate lang den Spielraum für ihre jeweilige Expansion. Die Sowjetunion griff im November 1939 Finnland an und besetzte und annektierte 1940 Estland, Lettland und Litauen sowie Bessarabien und die nördliche Bukowina. Deutschland weitete seinen Krieg auf Dänemark und Norwegen, Belgien, die Niederlande, Luxemburg und Frankreich aus; auch auf Großbritannien erstreckte sich nun der See- und Luftkrieg. Zugleich unterhielten Berlin und Moskau umfangreiche Wirtschaftsbeziehungen, die Deutschland bei seiner Kriegführung unterstützten.
Grenzziehungen nach Großmachtinteressen waren in der europäischen Geschichte nichts Neues. Neu war die bis dahin unvorstellbare Brutalität der deutschen und sowjetischen Besatzungsherrschaft in den eroberten Gebieten: Sie schufen staatenlose, rechtlose Räume, die Timothy Snyder später als „Bloodlands" beschrieben hat. Zwischen September 1939 und Juni 1941 ähnelten sich die Gewaltpraktiken beider Besatzungsmächte – auf deutscher Seite rassistisch, auf sowjetischer Seite national und sozial begründet.
In Polen zerstörten beide Diktaturen zunächst die dortige Staatlichkeit und ermordeten Angehörige der politischen und kulturellen Eliten. Hunderttausende wurden enteignet, vertrieben oder zur Zwangsarbeit deportiert. Im Frühjahr 1940 ließ die sowjetische Führung rund 22.000 polnische Offiziere, Polizisten, Beamte und Intellektuelle ermorden; Katyn wurde zum Symbol dieser Verbrechen. Die deutsche Besatzung war von Beginn an rassistisch und antisemitisch geprägt: Juden wurden entrechtet und beraubt, in Ghettos gezwungen oder ermordet.
Vergleichbare Gewalt traf auch die Gebiete, die im Zuge des Pakts unter sowjetische Herrschaft gerieten. Nach der Annexion der baltischen Staaten sowie Bessarabiens und der nördlichen Bukowina 1940 verschleppte der sowjetische Geheimdienst NKWD im Juni des Folgejahres mindestens 42.000 Menschen aus Estland, Lettland und Litauen sowie mindestens 30.000 Menschen aus Bessarabien und der Nordbukowina nach Sibirien und Zentralasien; viele überlebten die Deportation nicht.
Am 22. Juni 1941 überfiel Deutschland die Sowjetunion und brach damit den Pakt zwischen den beiden Diktaturen; die deutsche Gewalt wurde nun vollends entgrenzt. Die Wehrmacht führte diesen Feldzug von Beginn an als Vernichtungskrieg. In seinem Gefolge ermordeten Einsatzgruppen, unterstützt von Waffen-SS, Ordnungspolizei, Wehrmacht, rumänischen Truppen und lokalen Kollaborateuren, in den folgenden Monaten mehr als eine halbe Million Menschen, überwiegend Juden. Es war der Beginn des Holocaust, der ab 1942 zum industriemäßig organisierten Völkermord an den europäischen Juden wurde.
Es bedurfte einer Allianz aus den USA, Großbritannien und der Sowjetunion, um Deutschland militärisch niederzuringen – die Völker der Sowjetunion hatten dabei die höchsten Opferzahlen zu beklagen. Die Kapitulation des Deutschen Reichs am 8./9. Mai 1945 ist im Westen zum Ausgangspunkt von Freiheit und Wohlstand geworden, in Ostmitteleuropa aber nur ein kurzer Moment der Hoffnung geblieben: Auf die Besatzungsjahre zwischen 1939 und 1944 folgten weitere vier Jahrzehnte sowjetischer Fremdherrschaft, die erst ab 1989 aus eigener Kraft überwunden wurden.
„Diese unterschiedlichen Erfahrungen spalten Europas Erinnerungskultur bis heute: Im Westen fehlt es noch immer an Wissen und Empathie für die ostmitteleuropäischen Nachbarn. Diese blicken auf eine ungleich längere Geschichte von Besatzung, Diktatur und Gewalt zurück – eine Erfahrung, die ihr politisches Denken bis heute prägt und für die es im Westen lange an Verständnis gefehlt hat", so die Direktorin der Bundesstiftung Aufarbeitung, Anna Kaminsky. „Dem muss mehr denn je Abhilfe geschaffen werden: Putin legitimiert seinen Krieg und einen immer weiter reichenden Herrschaftsanspruch mit einer historischen Gegenerzählung: Das Baltikum sei der Sowjetunion freiwillig beigetreten, Polen trage Schuld an seiner eigenen Zerschlagung, die Ukraine sei nur ein Produkt sowjetischer Grenzziehung. Genau dieses Denken zeigte sich schon im Hitler-Stalin-Pakt: das Recht der Großmacht, über die Souveränität ihrer Nachbarn zu verfügen.“
🎤 Der Jahrestag der deutsch-sowjetischen Militärparade in Brest-Litowsk ist der Anlass für eine Podiumsdiskussion am 22. September 2026 um 18 Uhr im Pilecki-Institut am Pariser Platz 4A in Berlin. Auf der gemeinsamen Veranstaltung der Botschaften der Republiken Polen und Litauen, dem Pilecki-Institut Berlin, der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur, Memorial Deutschland und der Deutsch-Polnischen Gesellschaft stehen der Hitler-Stalin-Pakt, die deutsch-sowjetische Zusammenarbeit von 1939 bis 1941 und die politische Instrumentalisierung dieser Geschichte bis in die Gegenwart im Mittelpunkt. Die Teilnahme ist kostenfrei.
Weitere Informationen zur Veranstaltung:
https://www.dpgberlin.de/pl/termine/2026/hitler-stalin-pakt/