Die Villa Wiesental an der Rosenbergstrasse, erbaut von Baumeister Daniel Oertly um 1880, war für den ehemaligen Schweizer Konsul von Uruguay bestimmt: Konrad Menet-Tanner. Der damalige Hausherr wurde 1836 als Sohn eines Landwirts und Webers in Gais geboren. Bei seinem späteren Schwiegervater, einem Stickereifabrikanten und Ratsherrn in St. Gallen, absolvierte er eine Ausbildung zum Kaufmann. 1859
liess sich Menet in Buenos Aires nieder, später gründete er in Montevideo die Textilhandelsfirma Menet & Co. Gallen zurückkehrte, betreute er dort als Schweizer Honorarkonsul die zahlreichen Schweizer, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach Nueva Helvecia in Uruguay auswanderten. In St. Gallen arbeitete Menet als Bezirksrichter und später – von 1899 bis 1912 – war er auch Präsident der Kantonalbank (die Swisscanto ist übrigens eine Tochter der Kantonalbanken....).
Über die Menets existieren viele abenteuerliche Geschichten. So soll sich beispielsweise Ulrich Menet 1798 geweigert haben, auf die helvetische Verfassung zu schwören. Oder von Sebastian Menet, dem Vater von Konrad, der genau im Geburtsjahr seines Sohnes starb, wird berichtet, dass damals Klopfgeister Unwesen auf dem Dachboden getrieben hätten. Der Hauptmann Menet wollte das Spiel der Spassvögel beenden und schritt auf den Estrich. Er kam nicht mehr zurück...
Der elegante Bau im Stil der Gründerzeit an der Rosenbergstrasse gilt als wichtiger Bauzeuge des späten 19. Jahrhunderts für die Stadt St. Gallen. Er ist architektonisch und kulturhistorisch einzigartig! Die Innenräume sind kunstvoll nach französischem Vorbild gestaltet und sind, anders als die stark renovationsbedürftigen Aussenmauern, gut erhalten. Mit der im November 2011 veröffentlichten Absicht, die Villa abzureissen und durch ein Neubauprojekt zu ersetzen, schreibt die Eigentümerin der Villa, die Swisscanto, ein trauriges Stück Stadtgeschichte. Bereits im 2003 wollte der Milchverband St. Gallen-Appenzell die Villa für ein Neubauprojekt abbrechen. Daraufhin legte der Heimatschutz erfolgreich Einsprache ein. Das Verwaltungsgericht entschied, dass die Villa nicht „auf Vorrat“, also ohne Neubauprojekt, das in seiner Qualität der Schutzwürdigkeit der Villa übergeordnet ist, abgebrochen werden darf. Die Villa gilt seither wieder als Schutzobjekt.
2006 kaufte Swisscanto, ein Gemeinschaftsunternehmen der 24 Kantonalbanken, die Villa. Bis vor kurzem ist nichts mehr passiert. Das Haus steht leer und zerfällt. Auf Druck des Vereins „Pro Villa Wiesental“ und der Denkmalpflege des Kantons St. Gallen verordnete die städtische Baupolizei Ende 2011 kleinere Reparaturen für Januar 2012, die den Fortbestand der Villa fürs Erste gewährleisten. Nun plant die Swisscanto, die Villa Wiesental loszuwerden. Sie möchte das Grundstück der Generalunternehmung HRS abtreten, welche weiterhin ein Neubauprojekt verfolgt, das mehr Rendite einbringen soll. Ein derartiges Spekulations-Projekt darf im öffentlichen Interesse nicht höher gewichtet werden als der Schutz der Villa Wiesental. Dafür kämpfen wir. Und auch die Geister der Menets mögen gegen diese Banken-Pläne im Wiesental-Türmchen weiter poltern! Die Villa muss Zeitzeugin bleiben. St. Gallen hat schon genug Fehler gemacht. Die Swisscanto soll ihre Immobilie angemessen nutzen und als seriöse Eigentümerin verantwortungsbewusst mit dem Gebäude umgehen. Sollte sich jedoch die Frage der Nutzung stellen, wird sich der Verein auch darüber Gedanken machen. Stadt und Kanton sollen für ihre Geschichte einstehen und die vorhandenen gesetzlichen Möglichkeiten nutzen, damit der Fortbestand der Villa gewährleistet bleibt. Hoffentlich ist nicht nur die Wurst Kultur. Die Villa Wiesental ist Teil des Charakters unserer Stadt. (Einzelne Teile dieses Textes enstammen Brigitte Schmid-Guglers
„Turmgeschichten“ im St.Galler Tagblatt)