11/09/2026
Alice Neel: I Am the Century
„I am the century“ klingt als Buchtitel zunächst wie eine grosse, selbstbewusste Behauptung. Vielleicht liegt darin jedoch weniger der Anspruch des autonomen Künstlergenies als eine andere Vorstellung von künstlerischer Position: Die Künstlerin als Medium ihrer Zeit.
Alice Neel (1900–1984) durchlebte fast das gesamte 20. Jahrhundert. Sie machte dessen gesellschaftliche und politischen Veränderungen nicht über die grossen historischen Ereignisse sichtbar, sondern über Menschen: Freunde und Freundinnen, Liebhaber, Künstler:Innen, Aktivist:Innen, Kinder und Nachbar:Innen. In ihren Gesichtern, Körpern und Beziehungen wird der Zeitgeist durch die Linse eines individuellen Blicks erfahrbar.
Auch ihre eigene Position wollte Neel nicht primär über ihr biologisches Geschlecht definieren. Als man ihr sagte, sie male «wie ein Mann», wies sie diese Zuschreibung zurück: Sie male nicht wie ein Mann, sondern wie eine Frau, beziehungsweise wie sie selbst. Entscheidend war für sie nicht, ob Malerei männlich oder weiblich sei, sondern wie eine Künstlerin ihre eigene Wahrnehmung und ihre Erfahrungen in die Welt einbringt.
Darin liegt eine eigensinnige Gegenposition zum männlich geprägten Geniekult: Das Künstler:Innen-Ich steht nicht über seiner Zeit, sondern ist in sie verstrickt. Es wird zum Ort, an dem sich gesellschaftliche Veränderungen, persönliche Erfahrungen und der Zeitgeist verdichten.
Vielleicht bedeutet «I Am the Century» deshalb auch: Ich bin nicht ausserhalb meiner Zeit. Ich bin durch sie geprägt und mache sie durch meinen Blick sichtbar.
Die Publikation Alice Neel: I Am the Century versammelt 60 Werke, Archivmaterialien und Texte und eröffnet einen vielstimmigen Blick auf eine Künstlerin, deren Porträts weit über das individuelle Gegenüber hinausweisen.
Katharina Dunst, Fachreferat
Neel, A., Trezzi, N., Sevrain, R., & Pinacoteca Giovanni e Marella Agnelli. (2025). Alice Neel: I am the century (First edition). Mousse Publishing.
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Schule Für Gestaltung Basel