09/09/2026
Es gibt diesen einen Morgen im Jahr, an dem Wien plötzlich anders riecht.
Niemand kann genau sagen, wann er kommt. Er steht in keinem Kalender. Er wird nicht angekündigt. Am Abend zuvor sitzt man noch draußen, trägt kurze Ärmel und glaubt, der Sommer hätte noch Zeit.
Und dann öffnet man am nächsten Morgen das Fenster.
Die Luft ist kühler. Irgendwo hängt der Geruch von feuchtem Laub. Die Sonne scheint noch, aber sie scheint anders. Tiefer. Sanfter. Fast so, als würde auch sie wissen, dass ihre Zeit kürzer wird.
Der Herbst ist da.
Wien kann den Herbst besonders gut.
Vielleicht, weil diese Stadt ohnehin vom Vergangenen lebt. Weil an manchen Häuserfassaden hundert Jahre vorübergezogen sind und die alten Fenster trotzdem noch jeden Morgen geöffnet werden. Weil Straßenbahnen durch dieselben Gassen fahren, durch die schon Menschen gefahren sind, deren Namen längst niemand mehr kennt.
Und weil Wien verstanden hat, dass etwas nicht bleiben muss, um schön gewesen zu sein.
Im Türkenschanzpark beginnen die ersten Blätter zu fallen.
Zuerst nur eines.
Es löst sich von einem Ast, dreht sich ein paar Mal in der Luft und landet auf einem Weg, über den kurz darauf jemand geht, ohne es zu bemerken.
Dann werden es mehr.
Gelb. Rot. Braun.
Und irgendwann steht derselbe Baum, der im Sommer noch voller Leben war, beinahe n***t da.
Man könnte meinen, er hätte alles verloren.
Aber vielleicht ist genau das der Irrtum.
Denn der Baum weiß etwas, das wir Menschen unser ganzes Leben lang nur schwer lernen:
Dass man manchmal loslassen muss, obwohl man etwas geliebt hat.
Dass Veränderung nicht bedeutet, dass das Davor falsch war.
Und dass ein Ende nicht immer das Gegenteil eines Anfangs ist.
Vielleicht tut uns der Herbst deshalb manchmal weh.
Weil er uns erinnert.
An Menschen, die einmal neben uns gegangen sind.
An Wohnungen, deren Schlüssel wir irgendwann zum letzten Mal umgedreht haben.
An Kinderhände, die einmal ganz selbstverständlich nach unserer gegriffen haben und irgendwann groß genug waren, ihren eigenen Weg zu gehen.
An Stimmen, die wir noch ganz genau hören können, obwohl sie längst verstummt sind.
An Versionen von uns selbst, die es nicht mehr gibt.
Wir verändern uns.
Manchmal freiwillig.
Manchmal, weil das Leben keine Erlaubnis dafür braucht.
Wir wechseln Wohnungen, Straßen und Menschen. Wir verlieben uns. Wir lieben. Wir bekommen Kinder. Wir verabschieden Eltern. Wir beginnen neu. Wir scheitern. Wir versuchen es noch einmal.
Und währenddessen fährt die Straßenbahn weiter.
Der 40er, der 41er, der 42er.
Tür auf.
Menschen steigen ein.
Menschen steigen aus.
Tür zu.
Weiter.
Vielleicht ist das eine der ehrlichsten Lektionen dieser Stadt.
Dass die Welt nicht stehen bleibt, nur weil unsere eigene für einen Moment stillsteht.
An einem Herbstnachmittag sitzt eine alte Frau auf einer Bank.
Neben ihr ist ein Platz frei.
Vielleicht saß dort früher jemand.
Vielleicht ihr Mann.
Vielleicht eine Freundin.
Vielleicht niemand.
Sie hält ihr Gesicht in die schwache Nachmittagssonne und beobachtet die Blätter.
Ein kleines Mädchen läuft durch einen Laubhaufen und lacht so laut, dass sich die Frau umdreht.
Für einen kurzen Moment lächelt sie.
Das Mädchen läuft weiter.
Die Frau bleibt sitzen.
Und irgendwo zwischen diesen beiden Menschen liegt ein ganzes Leben.
Die eine weiß noch nicht, was kommen wird.
Die andere weiß, wie schnell es vergeht.
Aber beide sitzen unter denselben Bäumen.
Im selben Wien.
Im selben Herbst.
Vielleicht ist das Leben genau das.
Nicht festhalten.
Nicht vergessen.
Sondern weitertragen.
Die Menschen, die wir geliebt haben, verschwinden nicht einfach aus unserem Leben.
Manche sitzen irgendwann nicht mehr neben uns.
Aber sie sind in einem Lied.
In einer Redewendung, die wir plötzlich genauso sagen wie sie.
In einem Rezept.
In einem Geruch.
In einer bestimmten Straße.
In der Art, wie wir lachen.
In einem „Weißt du noch?“
Und manchmal in einem leeren Platz auf einer Bank.
Der Herbst nimmt uns nichts, was wirklich zu uns gehört.
Er verändert nur seine Form.
Vielleicht sollten wir deshalb nicht traurig sein, wenn die Blätter fallen.
Vielleicht sollten wir ihnen zusehen.
Denn kein einziges von ihnen fragt den Baum, ob es noch ein bisschen bleiben darf.
Es fällt.
Und der Baum lässt es gehen.
Nicht, weil es ihm nichts bedeutet.
Sondern weil seine Zeit gekommen ist.
Bald werden die Tage kürzer. Die Schanigärten werden leerer. Menschen werden ihre Mäntel enger um sich ziehen und schneller durch die Straßen gehen. In den Fenstern wird früher Licht brennen.
Dann kommt der Winter.
Und manche Bäume werden aussehen, als wäre nichts mehr in ihnen.
Aber tief unter ihrer Rinde geschieht etwas, das man von außen nicht sehen kann.
Sie leben weiter.
Sie bereiten sich vor.
Auf etwas Neues.
Vielleicht sollten wir uns daran erinnern, wenn sich unser eigenes Leben verändert.
Wenn etwas endet.
Wenn jemand geht.
Wenn wir etwas zurücklassen müssen, von dem wir dachten, es würde für immer bleiben.
Wir müssen nicht sofort wissen, was danach kommt.
Wir dürfen eine Zeit lang kahl sein.
Wir dürfen jemanden vermissen.
Wir dürfen zurückschauen.
Wir dürfen um etwas trauern, das schön war.
Und trotzdem weitergehen.
Denn irgendwann kommt dieser eine Morgen.
Vielleicht im Februar, im März. Vielleicht viel später.
Man öffnet das Fenster.
Und irgendetwas ist anders.
Noch ganz klein.
Fast unsichtbar.
Wie die erste Knospe an einem Baum, den man längst für leer gehalten hat.
Und plötzlich versteht man:
Es war nicht alles vorbei.
Es hat sich nur verändert.
Draußen fährt eine Straßenbahn vorbei.
Ein paar Blätter tanzen über die Schienen.
Wien wird langsam golden.
Und irgendwo lässt ein Baum sein letztes Blatt los.
Nicht aus Traurigkeit.
Sondern weil er weiß:
Manchmal muss etwas gehen,
damit wieder etwas wachsen kann.