05/05/2022
Kreativität braucht keine Vorgaben. Lasst die Kinder wie sie sind.
Eines Morgens sagte die Lehrerin: "Heute, werden wir ein Bild malen."
"Super!", dachte der kleine Junge. Er liebte es, Bilder zu malen. Er konnte alle möglichen Sachen malen. Löwen und Tiger, Hühner und Kühe, Züge und Boote, und er nahm seine Schachtel mit Buntstiften heraus und begann zu malen.
Aber die Lehrerin sagte: "Warte! Wir werden Blumen malen!"
"Gut!" Dachte der kleine Junge, auch Blumen haben ihn ganz gut gefallen, und er begann, mit seinen rosa, orangefarbenen und blauen Buntstiften schöne Blumen zu malen.
Aber die Lehrerin sagte: "Warte, ich zeige dir, wie es geht." Und sie malte eine rote Blume mit einem grünen Stiel.
"So", sagte die Lehrerin, "jetzt darfst du anfangen."
Der kleine Junge sah sich die Blume der Lehrerin an.
Dann sah er sich seine eigene Blume an. Seine Blume gefiel ihm besser, aber er sagte nichts. Er drehte einfach sein Papier um und machte eine Blume wie die der Lehrerin. Sie war rot und hatte einen grünen Stiel.
An einem anderen Tag, sagte die Lehrerin: "Heute, werden wir etwas mit Ton machen."
"Gut!", dachte der kleine Junge. Schlangen und Schneemänner, Elefanten und Mäuse, Autos und Lastwagen, und er begann, an seiner Tonkugel zu ziehen und zu drücken.
"Warte! Wir werden eine Schale machen."
Er liebte es, Schalen zu machen. Und er fing an, aber die Lehrerin sagte: "Wartet, ich zeige euch, wie es geht." Und sie zeigte allen, wie man eine tiefe Schale macht. "So", sagte die Lehrerin. "Jetzt darfst du anfangen."
Der kleine Junge sah sich die Schale der Lehrerin an, dann sah er sich seine eigene an. Ihm gefiel seine besser, aber er sagte nichts. Er rollte seinen Ton einfach wieder zu einer großen Kugel zusammen und machte eine Schale wie die der Lehrerin. Es war eine tiefe Schale.
Und schon bald lernte der kleine Junge zu warten und zu beobachten und Dinge genau wie die Lehrerin zu machen. Und schon bald machte er keine eigenen Sachen mehr.
Dann geschah es, dass der kleine Junge und seine Familie in ein anderes Haus in einer anderen Stadt zogen, und der kleine Junge musste in eine andere Schule gehen.
Und gleich an seinem ersten Tag dort sagte die Lehrerin: "Heute, werden wir ein Bild machen."
"Gut!" Dachte der kleine Junge und wartete darauf, dass die Lehrerin ihm sagte, was er tun sollte.
Aber die Lehrerin sagte gar nichts. Sie ging einfach durch den Raum.
Als sie zu dem kleinen Jungen kam, fragte sie: "Willst du nicht ein Bild machen?"
"Ja", sagte der kleine Junge. "Was sollen wir denn malen?"
"Das weiß ich erst, wenn du es gemacht hast", sagte die Lehrerin.
"Wie soll ich es machen?", fragte der kleine Junge.
"Ganz wie du willst", sagte die Lehrerin.
"Welche Farbe?", fragte der kleine Junge.
"Jede Farbe", sagte die Lehrerin.
"Wenn alle das gleiche Bild machen und die gleichen Farben verwenden, wie soll ich dann wissen, wer was gemacht hat?"
"Ich weiß es nicht", sagte der kleine Junge.
Und er begann, eine rote Blume mit einem grünen Stiel zu malen.
Helen E. Buckley (Der kleine Junge)
Lassen wir Kinder so sein, wie sie es sind und sagen wir ihnen so oft wie möglich, dass sie wundervoll und einmalig sind.