16/09/2021
Im neunten Teil meiner Serie zu den deutschen Milliardärs-Clans geht es um die Strüngmanns:
das Brüderpaar, Andreas und Thomas Strüngmann, die vor allem in und durch die Covid-19-Pandemie in das Top10-Ranking der reichsten Deutschen aufgestiegen sind.
Forbes listet mittlerweile jeden der beiden mit einem individuellen Vermögen von 26 Milliarden Euro. Damit sind sie zusammengenommen reicher als die Aldi-Brüder oder der gesamte Reimann-Clan.
Der Grund für ihren rasanten Aufstieg: Die Strüngmanns sind Hauptaktionäre von Biontech, dem Entwickler des ersten zugelassenen Covid-19-Impfstoffs.
Seither ist der Konzern von einem mittelständischen Startup zu einer wahren Gelddruckmaschine mutiert. Allein im ersten Halbjahr dieses Jahres lag der Nettogewinn bei 3,9 Milliarden Euro. Doch das ist nur ein Bruchteil dessen, was die Kurssteigerungen an der Börse einbrachten. Eine Aktie kostete beim Börsengang Ende 2019 15 Dollar. Aktuell sind es 330 Dollar, also eine Steigerung um 2200 Prozent. Der Börsenwert des Mainzer Konzerns beläuft sich damit mittlerweile auf mehr als 100 Milliarden US-Dollar.
Zum Vergleich: Das ist deutlich mehr als der Wert des Chemie- und Pharma-Riesen Bayer und nicht mehr weit entfernt von Europas größtem Industriekonzern, der Volkswagen AG, mit ihren mehr als 650.000 Beschäftigten.
Bei Biontech arbeiten im Gegensatz dazu bis heute keine 3000 Mitarbeiter:innen.
Das Unternehmen ist nach wie vor ein Zwerg – was es so wertvoll macht, ist das Patent für einen Stoff, den alle Welt dringend benötigt.
Auch das Biontech-Gründerpaar Uğur Şahin und Özlem Türeci wurde innerhalb weniger Monate zu Milliardären.
Doch ihr Stück vom Kuchen ist klein, verglichen mit dem der Strüngmann-Brüder. Und während Şahin und Türeci mit ihrer Forschungsarbeit tatsächlich einen großen Anteil an der Impfstoffentwicklung hatten, beschränkt sich der Beitrag der Strüngmanns darauf, auf das richtige Pferd gesetzt zu haben.
Als sie 2008 mit 180 Millionen US-Dollar beim Mainzer Startup einstiegen, galt dies zwar durchaus als Risikoinvestition. Doch angesichts eines Vermögens von mehreren Milliarden Euro, das die Strüngmanns schon damals auf der hohen Kante hatten, hält sich das Risiko offensichtlich in Grenzen.
Doch wer sind die Strüngmann-Brüder überhaupt und wie kamen sie zu ihrem Geld?
Der Ausgangspunkt für ihren Reichtum ist der gleiche, wie bei allen anderen Clans in dieser Serie: Sie haben geerbt.
Im Vergleich zu den meisten anderen Superreichen in Deutschland war ihr Erbe jedoch fast bescheiden. Ihr Vater war Chef eines mittelständischen Pharma-Konzerns, das 1969 das erste Generika-Antibiotikum in Deutschland auf den Markt brachte.
Generika sind Nachahmer-Präparate von Medikamenten, deren Patentschutz abgelaufen ist. Der Markt für diese Arzneimittelkopien war damals noch relativ klein, doch das sollte sich bald ändern.
Im Jahr 1979 stiegen die Brüder bei der väterlichen Firma ein. Sie kopierten alles, was ihnen als Wirkstoff in die Finger kam und mit den geltenden Gesetzen noch in Einklang gebracht werden konnte. In der Branche wurden sie »die Piraten« genannt. 1986 verkauften sie das Unternehmen für 100 Millionen D-Mark und gründeten den Konzern Hexal, der zum zweitgrößten Generikahersteller Deutschlands aufstieg.
Hintergrund des Erfolgs waren nicht zuletzt Gesetzesänderungen, die den Einsatz von Generika förderten, um so die Kosten für die Krankenkassen zu senken.
Die Strüngmann-Brüder expandierten und bauten bei Magdeburg die größte Pharma-Produktionsfabrik Europas auf. Durch die hohen Abschreibungen zahlte die Hexal-Gruppe jahrelang fast keine Steuern, was die Strüngmanns wiederum für die internationale Expansion nutzen.
2005 ließen sich die Brüder ihr Firmenimperium schließlich versilbern und verkauften Hexal für sieben Milliarden US-Dollar an den Schweizer Pharmariesen Novartis.
Aufgestiegen in die Liga der Superreichen begannen sie sich als Investoren zu betätigen – mal mehr mal weniger erfolgreich – und parkten ihr Geld in der Pharma-, aber auch der Immobilien-, Banken- und Solarbranche.
Bloß der Staat sollte möglichst wenig davon abbekommen, weshalb die Strüngmanns ihr Vermögen in Fonds in Luxemburg versteckten, woraufhin sie 2015 ins Visier der Staatsanwaltschaft gerieten.
Ironischerweise ist es nun ausgerechnet ein Patent, das den Reichtum der ehemaligen »Patent-Piraten« in astronomische Höhen schnellen ließ.
Patentschutz ist den Strüngmanns daher heute ein wichtiges Anliegen.
Die Bundesregierung hält ihnen dabei den Rücken frei. Eine Freigabe des Patents auf den Impfstoff, wie sie rund einhundert Länder und auch die Weltgesundheitsorganisation fordern, lehnt sie ab.
Konzern und Regierung sind sich einig: Eine Patentfreigabe sei »nicht zielführend« und ein Aufweichen des geistigen Eigentums »schwäche zukünftige Innovationen«. Darüberhinaus würden Biontech und sein Kooperationspartner Pfizer die Produktionskapazitäten ohnehin ausweiten, so dass die gesamte Menschheit mit dem Impfstoff versorgt werden könne.
Wann dies der Fall sein soll, steht jedoch in den Sternen – genauso wie die Frage, wie arme Staaten sich die überteuerten Impfstoffe leisten sollen.
Zwar hat Biontech angekündigt, armen Ländern beim Preis entgegenzukommen, doch das bisherige Agieren hat klar gezeigt, dass es dem Konzern vor allem um seine Rendite geht und es seine Marktmacht dabei auch eiskalt ausnutzt.
So haben Biontech/Pfizer bei der letzten Impfstoff-Bestellung der EU im Mai 2021 eine Preissteigerung von 15,50 Euro auf 19,50 Euro pro Dosis durchgesetzt, also um rund ein Viertel. Ursprünglich wollten die Konzerne Medienberichten zufolge sogar 54 Euro pro Dosis.
Während die armen Länder also mehr oder weniger leer ausgehen werden – obwohl allen klar sein dürfte, dass eine Pandemie nur global bekämpft werden kann, werfen die reichen Staaten den Konzernen das Geld für den Impfstoff in den Rachen.
Dabei war es auch der Staat, der die Entwicklung der Covid-19-Impfstoffe erst ermöglicht hat.
Nur durch die staatlich finanzierte Grundlagenforschung gibt es die mRNA-Technologie überhaupt. Und selbst bei der angewandten Produktentwicklung des mRNA-Impfstoffs half der Staat massiv mit.
So erhielt Biontech für die Covid-Impfstoffforschung 375 Millionen Euro an Fördermitteln von der Bundesregierung – weit mehr als die Höhe der Investition der Strüngmann-Brüder in den Konzern.
Tatsächlich haben Bund und EU das Unternehmen bereits seit seiner Gründung mit hohen zweistelligen Millionenbeträgen gefördert.
Der Staat hat dem Konzern viele unternehmerische Risiken abgenommen und ihm gleichzeitig den Profit gesichert, der jetzt auf dem Konto der Strüngmanns landet.
Was die Brüder mit all den Milliarden anfangen wollen? Wer weiß das schon. Vielleicht lassen sie sich ja von ihrem großen Idol, dem britischen Milliardär Richard Branson, ins Weltall schießen ...
Das neue Hobby der Superreichen ...