02/01/2025
Ein wunderbarer Text von Hubert Appenrodt, den wir Euch nicht vorenthalten wollen: Wir wünschen allen Sondershäusern aus Nah und Fern ein gesundes und friedliches Jahr 2025.
Sondershausen. In der kurzen Zeitspanne zwischen den Jahren kann Seltsames geschehen. In Sondershausens Mitte kann es zu wundersamen Begegnungen kommen.
Mit dem ersten Glockenschlag vom Turm endet auch in Sondershausen das alte Jahr, mit dem letzten Schlag beginnt erwartungsfroh das neue. Und zwischen erstem und letztem Glockenton unterbricht die Zeit, wie anderswo auch, ihr Dahinfließen, und alles ist jetzt möglich, was sonst undenkbar wäre.
Wer zur rechten Zeit auf dem Marktplatz vor dem Schloss in Sondershausen eintrifft, hört am Beginn des kleinen zeitlosen Daseins recht bald aus der Ferne leise Musik, die immer näher kommt und kleinen geheimnisvollen Menschenzügen voraneilt. Es sind die Seelen aus der Vergangenheit. Sie eilen aus dem Brückental herbei und aus Jecha, sie kommen vom Franzberg und aus Bebra. Für den letzten Tag haben sie noch einmal ihre alte Gestalt angenommen.
Auf dem Platz vor der Alten Wache bald angekommen, treffen sie auf erwartungsfrohe Seelen der Gegenwart, an diesem Tag erkennbar an ihren zwei Gesichtern, einem jungen und einem alten, die ineinander verschwimmen und für Gegenwart und Zukunft stehen.
Curt Mücke und Ferdinand Menge sind gekommen
Es ist eine stille Zusammenkunft, um gemeinsam das neue Jahr zu begrüßen. An der Schlosstreppe sehe ich meine alten Lehrer, von denen wir einst viel gelernt haben. Neben Herrn Rosenstiel, unserem ehemaligen Direktor und Klassenlehrer, steht Herr Frenzel, unser Zeichenlehrer, der zu den Sonderhäuser Malern Curt Mücke und Ferdinand Menge herüberschaut. Karl Krieghoff, der mit seinen Mundartgedichten dem Schwarzen Viertel und seinen Bewohnern mit Humor und sprachlicher Kunstfertigkeit ein Denkmal für die Ewigkeit setzte, hat seine Hand auf die linke Schulter von Anni Karstädt gelegt, seine zu Lebzeiten beste unnachahmliche Interpretin.
Ich erkenne Herrn Merx mit seiner Frau von der gleichnamigen Drogerie und Paula Krause, bei der man einst Ta******en kaufen und Lottoscheine abgeben konnte, und viele, viele andere aus dem früheren Leben der Stadt. Bäcker Müller mit seiner Frau und Lebensmittelhändler Hoffmann stehen beieinander, zusammen mit Frau Hebestreit von der Gardinenspannerei und Frau Münchhof, bei der ich damals, als ich noch ein Kind war, Milch holte. Friseur Kirchner aus der Unterstadt gesellt sich dazu mit Herrn und Frau Thon vom Textilwarengeschäft in der Hauptstraße.
Und ich sehe meine Eltern und meinen Bruder Klaus und gehe in stillem Einvernehmen zu ihnen hinüber, vorbei an Dirigent Wiesenhütter und Musikern des Loh-Orchesters, vorbei an Bergleuten und ehemaligen Arbeitern der Porzellanfabrik, an Ärzten und Schwestern aus dem alten Krankenhaus und hoffe, sie alle am Ende des neuen Jahres wiedersehen zu können. Auch einige meiner Mitschülerinnen und Schulfreunde: Erika und Gudrun, Peter und Dietmar, Alfred und Winfried und Udo aus der Nachbarklasse.
Lautlose Neujahrsgesellschaft
Ahnungsvoll wird bald der zwölfte Glockenschlag zu vernehmen sein. Langsam leert sich in aller Stille der Platz. Die lautlose Neujahrsgesellschaft löst sich langsam auf, mit Zuversicht die einen, mit Frieden im Herzen die anderen.
Bevor auch ich gehe, kommt, von einem hellen Lichtschein umgeben, noch rasch die Zukunft auf mich zu. Sie fragt mich nach einem Wunsch für das neue Jahr. In Anbetracht, dass für Frieden und das eigene Glück jeder selbst sorgen kann, fällt mir lediglich ein, mich über einige sonnenhelle Wintertage zu freuen, mit trockener Kälte und glitzerndem Schnee.
Aufwachen am Neujahrsmorgen. „Alles nur geträumt?“ Das Radio verkündet für den ersten Januartag Regen und kleine Windböen. Ich richte mich dennoch für einen kleinen Spaziergang her. Ich öffne die Haustür, ich gehe ins Freie. Es ist ein sonnenheller Wintertag mit trockener Kälte und glitzerndem Schnee.
Hubert Appenrodt 🫶🏽