12/09/2026
💚 Schaut wieder ein bisschen mehr aufeinander.
Nicht darauf, was jemand hat. Nicht darauf, was jemand verdient. Sondern darauf, was ein Mensch vielleicht gerade braucht – und was wir selbst geben können.
Unsere heutige Info der Woche ist etwas länger. Denn manchmal lässt sich das, was uns wichtig ist, nicht in drei Sätzen erzählen.
Bei uns arbeiten ganz unterschiedliche Menschen zusammen.
Samstags unterstützen uns Ehrenamtliche, die uns ihre Zeit schenken. Unter der Woche arbeiten bei uns Menschen, die mit dieser Arbeit ihren Lebensunterhalt verdienen.
Menschen mit ganz unterschiedlichen Geschichten, Fähigkeiten, Belastungen und Lebenswegen.
Und am Ende sind wir alle genau das:
Menschen.
Menschen machen Fehler.
Auch wir.
Auch unsere Spenderinnen und Spender.
Manchmal bekommen wir Dinge, die kaputt, schmutzig oder nicht mehr verkäuflich sind. Manchmal bekommen wir weiterhin Sommer- und Frühlingskleidung, obwohl wir darum gebeten haben, diese derzeit nicht abzugeben.
Das passiert.
Und vielleicht sollten wir alle wieder etwas öfter versuchen, hinter das zu schauen, was wir auf den ersten Blick sehen.
Bei uns darf grundsätzlich jeder einkaufen.
Wir fragen niemanden nach seinem Einkommen. Wir kontrollieren nicht, ob jemand „bedürftig genug“ ist.
Ganz bewusst nicht.
Denn Not sieht man Menschen nicht immer an.
Da ist vielleicht die ältere Frau mit einer kleinen Rente, die jahrelang Kinder großgezogen hat und nach einer Trennung plötzlich mit sehr wenig auskommen muss.
Da ist jemand, der aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr arbeiten kann.
Da ist eine Familie, bei der am Ende des Monats einfach nichts mehr übrig ist.
Und da sind Menschen, deren Geschichte wir überhaupt nicht kennen.
Es gibt aber auch Menschen, die finanziell gar nicht darauf angewiesen sind, bei uns einzukaufen – und trotzdem ganz bewusst Second Hand kaufen. Weil sie Dinge weiterverwenden möchten, statt immer neu zu kaufen. Weil ihnen Nachhaltigkeit, Umweltschutz oder die Bewahrung unserer Schöpfung wichtig sind.
Auch das gehört zu uns.
Und manchmal kommen Menschen überhaupt nicht nur wegen der Dinge.
Unsere Kaffeeecke ist auch ein Treffpunkt.
Ein Ort, an dem man sich hinsetzen kann.
An dem Menschen miteinander reden.
An dem man vielleicht ein bekanntes Gesicht trifft.
Oder einfach für einen Moment nicht allein ist.
Bei uns gibt es kostenlos Kaffee und Wasser.
Das klingt vielleicht nach einer Kleinigkeit.
Aber manchmal ist genau so eine Kleinigkeit ziemlich viel wert.
Denn ein Second-Hand-Kaufhaus kann mehr sein als ein Ort, an dem gebrauchte Dinge den Besitzer wechseln.
Es kann auch ein Ort der Begegnung sein.
Gleichzeitig darf sich jeder von uns hin und wieder selbst eine Frage stellen:
Was ist mir diese Arbeit eigentlich wert?
Natürlich darf man bei uns ein Schnäppchen machen. Und auch Dinge weiterzuverkaufen ist nicht grundsätzlich etwas Schlechtes.
Für den einen kann der Weiterverkauf ein notwendiger Zuverdienst sein. Ein anderer hat vielleicht ganz andere Gründe.
Wir kennen diese Geschichten nicht – und wir wollen sie auch nicht beurteilen.
Aber jeder von uns kennt die eigene Geschichte.
Und wer von den günstigen Preisen eines sozialen Second-Hand-Kaufhauses profitiert und es sich eigentlich leisten könnte, darf sich vielleicht fragen:
Wenn etwas bei uns 5 Euro kostet und ich problemlos 10 Euro bezahlen könnte – muss ich mich dann nur über das Schnäppchen freuen?
Oder könnte ich auch einmal sagen:
„Fünf Euro sind eigentlich viel zu wenig. Ich gebe euch zehn, weil ich eure Arbeit unterstützen möchte.“
Gerade wenn ich mit etwas, das ich günstig gekauft habe, später selbst noch Geld verdiene, darf ich mir diese Frage stellen.
Nicht als Vorwurf.
Sondern als Gedanken über Solidarität.
Denn Solidarität bedeutet nicht, herauszufinden, wer etwas „verdient“ hat.
Solidarität bedeutet auch, die eigenen Möglichkeiten zu sehen.
Und manchmal bedeutet sie einfach, den Menschen neben sich wieder wahrzunehmen.
Bei uns kommen ältere Menschen die Treppe hoch, bei denen wir manchmal sehen, wie beschwerlich das inzwischen ist.
Und dann könnte man sich fragen:
Warum kommt eigentlich niemand mit?
Vielleicht, weil niemand da ist.
Vielleicht fahren manche noch selbst, weil es gar keine Alternative gibt.
Vielleicht ist der Einkauf bei uns einer der wenigen Gründe, überhaupt einmal aus dem Haus zu kommen.
Vielleicht ist unsere Kaffeeecke einer der Orte, an denen sie überhaupt noch mit anderen Menschen ins Gespräch kommen.
Wir wissen es nicht.
Und genau deshalb sollten wir vorsichtiger damit sein, über Menschen zu urteilen.
Ein Second-Hand-Kaufhaus besteht nicht nur aus gebrauchten Dingen.
Es besteht aus Menschen.
Aus Menschen, die spenden.
Aus Menschen, die ehrenamtlich helfen.
Aus Menschen, die hier arbeiten.
Aus Menschen, die günstig einkaufen müssen.
Aus Menschen, die es nicht müssten.
Aus Menschen, die bewusst gebraucht kaufen, weil ihnen Nachhaltigkeit und die Bewahrung unserer Schöpfung wichtig sind.
Und aus Menschen, die vielleicht einfach einen Ort suchen, an dem sie für einen Moment dazugehören.
Vielleicht ist unsere wichtigste Info der Woche deshalb heute einfach diese:
💚 Schaut wieder ein bisschen mehr aufeinander.
Nicht darauf, was jemand hat.
Nicht darauf, was jemand verdient.
Sondern darauf, was ein Mensch vielleicht gerade braucht – und was wir selbst geben können.