16/11/2025
HILFSEINSATZ Sommer 2025
Mit im Team: Dr. Matthias Werner, Arzt, medizinischer Leiter und Gründer von EUFOMEDA (zum zehnten Mal im Einsatz), Olivier Colin(Fotograf aus dem Landkreis Freiburg), Roland Wagner (Fahrer und Sanitäter im Unruhestand mit jahrzehntelanger Erfahrung), sowie Niko Fromke, der die Koordination und Organisation der Tour übernommen hatte. Im Vorfeld wurden alle berechenbaren Faktoren durchgesprochen, die Route sorgfältig geplant.
Die Strecke führte zunächst über die A5 und A6 nach Prag, wo am frühen Nachmittag eine geplante Pause eingelegt wurde. Rolands Zug aus Berlin traf mit etwa 40 Minuten Verspätung ein – eine der ersten von mehreren kleineren Verzögerungen, die sich später auswirken sollten. Der ursprüngliche Plan, am selben Tag bis Ternopil zu fahren, musste im Verlauf des Abends aufgegeben werden.
Nach über 21 Stunden Fahrtzeit, durch Deutschland, Tschechien und Polen, über den Grenzübergang Korczowa–Krakowez, erreichte die Gruppe um 01:25 Uhr nachts Lwiw. Ursprünglich nicht als Ziel vorgesehen, diente die Stadt nun als Übernachtungsort.
Im Hotel wurde das gebuchte Doppelzimmer kurzfristig für vier Personen umfunktioniert. Das Housekeeping wurde eigens für uns geweckt, stellte ein Feldbett auf und bezog zusätzlich die Couch. So entstand mit improvisierten Mitteln eine funktionale Schlafmöglichkeit für das gesamte Team.
Wenig später, gegen 2:20 Uhr, wurde die ohnehin kurze Nacht durch Luftalarm unterbrochen. In unmittelbarer Nähe des Hotels schlugen mehrere Drohnen des Typs Geran-2 ein – alle 10 flogen in etwa 30 Metern Höhe über unser Hotelzimmer hinweg.
Es war der schwerste Luftangriff den Lviv bis dahin erlebt hatte.
Das Geräusch dieser Drohnen ist unverwechselbar: kein tiefer Ton, sondern das kreischende Heulen eines Motors, welches mit zunehmender Geschwindigkeit immer lauter wird – besonders im Sturzflug, wenn die Drohne ihr Ziel anvisiert. Wer es einmal gehört hat, erkennt es sofort wieder. Noch heute führt ein knatterndes Mofa mit Vollgas dazu, dass der Blick reflexartig in den Himmel geht – ein Geräusch, das sich eingebrannt hat.
In dieser Nacht wurde einmal mehr deutlich, unter welchen Bedingungen medizinische Hilfe in der Ukraine heute geleistet wird – und wie schnell aus einer geplanten Übernachtung ein Krisenerlebnis werden kann.
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Zweite Etappe – Von Lwiw nach Mykolajiw
Nach einer kurzen Nacht und nur wenigen Stunden Schlaf ging es am nächsten Morgen um 8:00 Uhr zum Frühstück. Die Unsicherheit der Nacht hing noch spürbar in der Luft. Nur der Doktor und Roland hatten zuvor den Krieg in dieser Unmittelbarkeit erlebt – das Heulen der Drohnen, der Luftalarm, die Einschläge in unmittelbarer Nähe. Es war ein Moment, der sich nicht einordnen ließ, weder mit Erfahrung noch mit Routine.
Am Frühstückstisch wurde über das Erlebte gesprochen. Niemand hatte gut geschlafen, das war allen anzumerken. Umso eindrucksvoller war es, die anderen Gäste zu beobachten – Familien, Eltern mit Kindern, die ganz selbstverständlich an ihren Tischen saßen, frühstückten, lachten. Diese sachliche Normalität mitten im Ausnahmezustand hinterließ Eindruck. Während draußen Sirenen heulten oder Trümmer beseitigt wurden, versuchten die Menschen im Inneren schlicht weiterzuleben – ruhig, kontrolliert, fast unbeeindruckt. Wir fragen uns, ob Krieg tatsächlich zur täglichen Routine werden kann?
Gegen kurz vor 9:00 Uhr startete das Team zur zweiten Etappe der Tour, die über Ternopil und Uman bis nach Mykolajiw führen sollte – eine lange Strecke, geprägt von wechselhaften Straßenverhältnissen und eben einer erheblichen Distanz von rund 1200 Kilometern.
Die Fahrt zog sich – nicht nur wegen der Entfernung, sondern auch aufgrund einiger kleinerer Staus und Verkehrsstörungen, die für zusätzliche Verzögerungen sorgten. Erst gegen 20:00 Uhr, nach rund elf Stunden Fahrt, traf das Team in Mykolajiw auf Katia, die dort bereits wartete. Sie war von EUFOMEDA als Dolmetscherin engagiert worden und hatte das ihr zugewiesene Appartement bereits am Mittag bezogen.
Katia spricht fließend Englisch und Deutsch und war – das lässt sich an dieser Stelle bereits sagen – eine entscheidende Unterstützung vor Ort. Ohne ihre Sprachkenntnisse und ihr sicheres Auftreten wäre eine zielgerichtete medizinische Versorgung der Menschen in den kommenden Tagen in dieser Form nicht möglich gewesen.
Bei der Ankunft an Katias Appartement stellte das Team fest, dass es ein technisches Problem am Fahrzeug gab: Ein Federbein des Dämpfungssystems der Vorderachse war offenbar durch die schlechten Straßenverhältnisse und altersbedingten Verschleiß geplatzt. Auf der gesamten linken Fahrzeugseite des Sprinters war austretendes Dämpferöl deutlich zu sehen. Eine Reparatur war unumgänglich, um die 2.500 Kilometer lange Rückfahrt am Ende des Hilfseinsatzes überhaupt antreten zu können.
Die für das Team gebuchte Wohnung lag nur fünf Gehminuten von Katias Unterkunft entfernt. Nach einer kurzen Besichtigung der Unterkunft ging es weiter – wie bereits im Vorfeld geplant – in das nahegelegene Restaurant „Schulz“, das nur wenige Minuten zu Fuß entfernt lag.
Die Kombination aus der langen Anreise, der durchwachten Nacht und dem anhaltenden Hunger hatte spürbar an den Nerven des Teams gezehrt. Umso dankbarer waren alle, dass man auch nach 21:30 Uhr noch eine warme Mahlzeit serviert bekam.
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Der erste Tag vor Ort - ein Tag zur Orientierung
Am dritten Tag begann der Morgen um 9:00 Uhr mit einem Treffen mit Kyrill, einem Militärkaplan in Mykolajiw, der zusammen mit Ratmir unser Ansprechpartner ist. Gemeinsam mit ihm und Katia fuhren wir zum Büro der Kaplane, wo zunächst alle mitgebrachten Medikamentenboxen und Kartons aus dem Sprinter entladen und im dortigen Lager untergebracht wurden.
Neben den sechzehn großen und fünf kleineren Boxen mit Medikamenten hatte das Team auch rund vierzig Kartons mit Sachgütern für das lokale Krankenhaus dabei. Diese wurden ebenfalls im Lager untergebracht. Alle Materialien waren über die gesamte Anreise hinweg sorgfältig verstaut und transportiert worden – eine logistische Meisterleistung angesichts des begrenzten Stauraums und der schlechten Straßenverhältnisse.
Anschließend wurde im Büro der Ablauf der kommenden Tage besprochen. Geplant war für diesen Sonntag Nachmittag die Behandlung von Gemeindemitgliedern des Pfarrzentrums in Mykolajiw, das jedoch sonntags nicht zur Verfügung steht. Dadurch bot sich die Möglichkeit, den Tag anderweitig zu nutzen.
Matthias nutzte die Zeit, um die umfangreiche Medikamentenlieferung neu zu sortieren, den Bestand zu überprüfen und die Ausgabe systematisch vorzubereiten. Olivier nahm sich vor, die Stadt Mykolajiw fotografisch zu dokumentieren. Roland und ich begleiteten ihn, um ebenfalls einen Eindruck von der Stadt zu gewinnen.
Beim "Spaziergang" durch Mykolajiw wurde deutlich, wie sehr der Krieg auch hier Spuren hinterlassen hatte. An einer Straße, die wir passierten, hatte nur eine Woche zuvor eine Drohne eingeschlagen – ein Ort, den ich bereits in einem deutschen Fernsehbericht gesehen hatte.
Vor Ort zeigte sich erst das volle Ausmaß der Zerstörung. Was im Fernsehen bereits erschreckend wirkte, entfaltete in der Realität eine ganz andere Wucht: zersplitterte Fassaden, zerborstene Fenster, zerschlagene Infrastruktur. Der Eindruck wirkte umso intensiver, weil die Erinnerung an die Drohnen der vergangenen Nacht noch frisch war – mit all ihren Geräuschen, dem Gefühl der Bedrohung und der plötzlichen Nähe zur Gewalt.
Trotz des ruhigen Tages wurde deutlich, wie nah der Krieg weiterhin ist – sichtbar, spürbar, gegenwärtig. Wie nah ahnten wir noch nicht.
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Vierter Tag – Erster Einsatz im Dorf an der Oblastgrenze
Am Montagmorgen trafen wir uns erneut im Büro der Kaplane. Neben Kyrill und Ratmir waren auch zahlreiche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter anwesend – darunter auch Oleg, der Leiter der Militärkaplane. Die Atmosphäre war konzentriert, aber angespannt.
Kyrill schilderte uns eindrücklich, wie sich die Lage seit unserer letzten Tour im April 2025 verändert hatte. Die Sicherheitslage habe sich „dramatisch verschlechtert“. Ein Fahren in die frontnahen Dörfer sei mittlerweile mit erheblichen Risiken verbunden – vor allem durch die zunehmenden Artilleriebeschüsse und den vermehrten Einsatz von Kamikaze-Drohnen.
Er nannte konkrete Beispiele aus den vergangenen Tagen: Eine Großmutter mit ihrer dreijährigen Enkeltochter wurde auf dem Weg zur eigenen Feldarbeit durch eine Drohne getötet. Ebenso eine Frau mit ihrem Hund, die beim Spaziergang ums Leben kam. Die Gefahr war nicht abstrakt, sondern ganz real und greifbar.
Uns war die Lage bewusst – und wenn auch keinesfalls lebensmüde, stimmten wir dennoch zu, in eine Region zu fahren, in der zumindest Artillerieeinschläge möglich waren. Man befinde sich parallel in Gesprächen mit der Verwaltung des Oblast Cherson, um zu prüfen, ob Einsätze auch in umliegenden Dörfern oder sogar der Stadt selbst zeitnah möglich seien.
Für diesen Tag war ein Einsatz in einem Dorf an der Oblastgrenze zwischen Mykolajiw und Cherson geplant. Nach einer rund 45-minütigen Fahrt erreichten wir das Dorf.
Die Menschen empfingen uns herzlich – teilweise beinahe sehnsüchtig. Vorwiegend warteten ältere Frauen auf uns, einige Männer im Rentenalter waren ebenfalls gekommen – viele von ihnen sind vom Wehrdienst ausgenommen, oft schlicht zu alt oder gesundheitlich nicht mehr mobil.
Die Reaktionen auf den deutschen Arzt – Matthias – waren respektvoll und dankbar. Kein Wunder: Wir waren die ersten Helfer aus dem Ausland, und Matthias der erste Arzt seit drei Jahren, der viele dieser Menschen medizinisch behandelte.
Neben chronischen Erkrankungen wie Diabetes und kleineren Leiden fiel vor allem eines auf: extrem hoher Blutdruck. Werte, die auf Dauer gefährlich für Blutgefäße, Herz und Hirn sind – mit hohem Risiko für Schlaganfälle. Es zeigte sich, unter welchem körperlichen und psychischen Druck viele hier leben.
Dank zahlreicher gespendeter Vitamine und Nahrungsergänzungsmittel konnten wir jedem Patienten zusätzlich Vitamine mitgeben. Die Erntezeit und das Fehlen geeigneter Transportmittel führten dazu, dass wir an diesem Tag „nur“ 25 Menschen versorgen konnten. Zudem schwang immer die Angst mit, das vermeintlich sichere Haus zu verlassen.
Unabhängig von der Zahl bleibt das prägende Gefühl: Respekt. Respekt vor dem Willen der Menschen, durchzuhalten – trotz fehlendem Strom, kaum Wasser, unsicherer Versorgungslage und permanenter Bedrohung. Die Heimat zu verlassen ist für viele keine Option – sei es aus Alter, Verbundenheit oder aus dem einfachen Grund, dass sie nirgendwo anders hin können.
Am Nachmittag suchten wir mit Unterstützung der Pfarrer eine Werkstattmöglichkeit für die notwendige Reparatur des Sprinters. Auch das war eine logistische Herausforderung – aber dringend notwendig, um die Rückfahrt später überhaupt antreten zu können.
Am Abend beim Essen herrschte eine spürbare Stille. Unterbrochen wurde sie nur von den Fragen des Kellners – alles andere schien an diesem Tag gesagt oder noch nicht verarbeitbar.
Fakt ist: Wir müssen und werden weiter helfen.
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Fünter Tag - Ein weiterer Einsatz in einem vom Krieg besonders betroffenen Dorf
Am nächsten Tag fuhren wir erneut in ein Dorf nahe der Grenze zum Oblast Cherson. Schon beim Aussteigen aus dem Fahrzeug zeigte sich, wie unmittelbar präsent der Krieg weiterhin ist: Drei Drohnen des Typs „Geran-2“ waren am Himmel zu sehen – sie flogen in Richtung Mykolajiw. Wir hofften, dass die Luftabwehr aktiv sein würde und die Drohnen abgefangen würden.
Wie wir später erfuhren – und zum Teil auch selbst zu spüren bekamen – wurde erneut die Wasserversorgung der Stadt Mykolajiw getroffen. Die Angriffe zielten wieder auf zentrale Infrastrukturen.
Wie an jedem Einsatztag luden wir alle Medikamentenboxen und Materialien aus dem Fahrzeug aus. In einem der Räume des Dorfgebäudes richteten wir ein provisorisches Behandlungszimmer ein. Der Ort selbst ließ erahnen, wie schwer dieses Dorf in den ersten Kriegsmonaten getroffen worden war:
Mehrere Einschusslöcher und Schrapnell-Einschläge waren im Inneren des Gebäudes deutlich zu sehen. Auch im gesamten Dorf waren Zerstörungen sichtbar, die in ihrer Gesamtheit verstörend wirkten. Was anderswo nur als Lagebeschreibung erscheint, wurde hier zur direkten Realität: kein Ort war wirklich sicher.
Die Behandlung der Patientinnen und Patienten verlief trotz aller Umstände strukturiert und effizient – nicht zuletzt dank der hervorragenden Übersetzungsarbeit von Katia, die die medizinischen Gespräche präzise und zügig übertrug.
Am Ende des Tages konnten wir rund dreißig Menschen medizinisch versorgen. Viele litten unter bekannten Krankheitsbildern wie Bluthochdruck, Diabetes oder chronischen Schmerzen, aber auch unter den Langzeitfolgen von Unsicherheit, Mangelernährung und psychischer Belastung.
Nach mehreren Stunden intensiver Arbeit wurde uns im Anschluss ein einfaches, aber äußerst schmackhaftes Mittagessen serviert. Besonders das Kartoffelpüree hinterließ bleibenden Eindruck – so gut wie selten zuvor gegessen, waren sich alle einig. Dankbar und satt machten wir uns anschließend auf den Rückweg nach Mykolajiw.
Am Nachmittag konnten wir noch einen wichtigen Teil unserer Hilfe direkt an das örtliche Krankenhaus übergeben. Viele der gespendeten Artikel unseres Partners CAPULUS Medical sowie eine komplette Kühlbox mit Insulin wurden dort abgeben. Insbesondere diese Art der gezielten Unterstützung macht die Arbeit von EUFOMEDA auch für medizinische Einrichtungen in der Region relevant und verlässlich.
Während unseres Einsatzes hatten die Kaplane eine Werkstatt für die nötige Reparatur unseres Sprinters organisiert. Am frühen Abend holte Genady, ein junger, ehemaliger Soldat, der durch eine Schussverletzung nicht mehr dienstfähig ist, das Fahrzeug ab und brachte es zur Werkstatt. Dort wurden die defekten Federbeine ersetzt – schnell, zuverlässig und mit großer Sorgfalt.
Der Service war bemerkenswert freundlich, kompetent und zuverlässig – keine Selbstverständlichkeit unter den gegebenen Bedingungen.
Allerdings machte sich nun die beschädigte Wasserversorgung in Mykolajiw deutlich bemerkbar: In der Unterkunft funktionierte keine der Wasserleitungen, die Toilettennutzung war nur durch Kanisterwasser möglich. Bei den hohen Temperaturen des Tages war das eine spürbare Belastung, aber letztlich nur ein weiterer Aspekt der Realität im Kriegsgebiet – eine Realität, auf die wir uns eingestellt hatten.
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Sechster Tag – Direkt an der Frontlinie
Genady brachte noch am Vorabend das reparierte Fahrzeug zurück. Die Federbeine waren erfolgreich ausgetauscht worden, doch bei der Reparatur fiel dem Werkstattmeister ein weiterer Mangel auf: Die Radlager zeigten bereits deutliche Schäden und würden die Heimfahrt über rund 2.500 Kilometer voraussichtlich nicht überstehen. Um keine Risiken einzugehen, wurde beschlossen, auch die Radlager noch tauschen zu lassen. Die Abholung des Transporters wurde für den heutigen Nachmittag nach unserer Rückkehr aus Kherson vereinbart.
Heute sollte es nahe an die Frontlinie gehen. Der Fluss Dnipro, der die verfeindeten Parteien trennt, war nicht mehr weit. Die Fahrt begann früh, und schon kurz nach dem Start waren mehrere Rauchsäulen am Horizont zu sehen – ein unübersehbares Zeichen der andauernden Gefechte.
Ein Begleitfahrzeug war seit mehreren Tagen an unserer Seite, um bei Fahrten in sensible Gebiete für zusätzliche Sicherheit zu sorgen. Auch heute begleitete es uns bis zum Behandlungsort. Die Anweisung lautete klar: nicht anhalten – selbst dann nicht, wenn dem Begleitfahrzeug etwas zustößt. Ein Hinweis, der keinen Spielraum für Zweifel ließ – die Bedrohung war erstmals real und unmittelbar.
Am Zielort stellten wir den Bus so ab, dass er aus der Luft nicht sichtbar war – eine inzwischen routinierte Vorsichtsmaßnahme. Rund 30 Patientinnen und Patienten warteten bereits auf die Behandlung durch EUFOMEDA. Wie in den Tagen zuvor handelte es sich überwiegend um Menschen mit chronischen Erkrankungen, viele davon ohne regelmäßigen Zugang zu medizinischer Hilfe.
Nach einer kurzen Einweisung begannen wir mit der Versorgung. Insgesamt konnten wir genau 50 Menschen an diesem Tag behandeln – mit Medikamenten, ärztlichem Rat und menschlicher Zuwendung.
Der Tag verging, unter wiederkehrendem Artilleriebeschuß der Stadt, schnell. Zu schnell – denn die Rückfahrt musste so terminiert sein, dass wir vor Einbruch der Dämmerung und dem verstärkten Einsatz von Drohnen oder Artillerie wieder in Sicherheit waren. Das ständige Grollen der Artillerie begleitete uns – ein Geräusch, das sich wie das Sirren der Drohnen in den Nächten zuvor tief eingeprägt hat.
Am frühen Abend holte Genady wie vereinbart den Transporter ab. Er erklärte sich bereit, das Fahrzeug über Nacht fertigzustellen und am nächsten Morgen gegen 5:00 Uhr wieder zurückzubringen – ein weiteres Mal mit beeindruckender Verlässlichkeit und Engagement.
Müde, aber mit dem Gefühl, an diesem Tag wirksam geholfen zu haben, beendeten wir den sechsten Tag.
Es waren nicht nur die Medikamente, nicht nur die ärztliche Beratung, die diesen Tag geprägt haben. Es war die Menschlichkeit, die EUFOMEDA in diesen Momenten geleistet hat – sichtbar, greifbar, spürbar. Sie lässt sich nicht wiegen oder messen, aber sie verändert etwas. Für die Menschen, die wir behandeln durften – und auch für uns.
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Siebter Tag – Ein Abschied unter schwerem Himmel
Der letzte Tag vor Ort begann früher als geplant. Genady hatte bereits gegen Mitternacht unsere Unterkunft erreicht. Doch da die Übergabe des reparierten Fahrzeugs erst für 5:00 Uhr vereinbart war, schlief er in seinem Auto – draußen auf der Straße. Kaum vorstellbar, welche Mühen er für uns auf sich nahm, um sicherzustellen, dass wir seinem Volk helfen konnten.
Um 7:00 Uhr brachen wir auf – unsere persönlichen Dinge waren bereits gepackt. Ziel des Tages war erneut das Stadtgebiet von Kherson. Wie schon am Vortag wurden wir bei unserer Ankunft vom Dröhnen der Artillerie empfangen. Auch hier kaum greifbar, was die Menschen Tag für Tag durchstehen müssen.
Wieder warteten bei unserer Ankunft viele hilfsbedürftige Menschen auf uns. Einer von ihnen war Andrey – ein Mann, dessen Geschichte uns besonders bewegte. Er war am 26. April 1986 als Feuerwehrmann beim Reaktorunglück in Tschernobyl im Einsatz. Fast vierzig Jahre später leidet er unter den Spätfolgen der Strahlung: Er sieht kaum noch etwas, hört schlecht und trägt die Spuren zahlloser Behandlungen. Für uns war er ein stiller Held – einer, der seine Pflicht erfüllt hat und nun in Vergessenheit zu geraten droht.
Trotz der belastenden Bedingungen gelang es uns, an diesem letzten Einsatztag noch einmal 59 Patientinnen und Patienten medizinisch zu versorgen. Der Ablauf war eingespielt, die Zusammenarbeit im Team funktionierte wie an allen Tagen zuvor – getragen von Konzentration und einem fast unmenschlichen Maß an Durchhaltewillen.
Besonders eindrucksvoll war erneut die Gastfreundschaft der Militärverwaltung und der zivilen Helfer vor Ort. Als Dank für unseren Einsatz erhielten wir eine Urkunde – und deren Wortlaut rüttelte an den Grundpfeilern des Erträglichen. Zum Mittagessen durften wir frisches Gemüse aus den Gärten der Menschen vor Ort genießen – allen voran Tomaten, deren Geschmack uns noch lange in Erinnerung bleiben wird.
Der Abschied fiel schwer. Wir wussten, dass die Menschen in Kherson auch in den kommenden Wochen und Monaten wieder unter Stromausfällen, Wasserknappheit und täglicher Unsicherheit leben müssen. Doch wir wussten auch: Unsere Zeit hier war ein weiterer Schritt in die richtige Richtung – ein Zeichen der Solidarität, ein Stück Hoffnung.
Olivier hatte das Geschehen, die Schäden und das Leid der Menschen eindrucksvoll dokumentiert – fast 4.000 Bilder zeugen von dieser Reise. Roland war, wie immer, die ruhige Kraft im Hintergrund, die für reibungslose Abläufe sorgte. Matthias, Gründer der Organisation, war für viele der erste Arzt seit Jahren – mit seinem Einsatz schenkte er nicht nur Medikamente, sondern auch Perspektive.
Was wir an diesem Tag noch nicht wussten: Nur wenige Stunden nach unserem Einsatz schlug unweit des Behandlungsortes eine Rakete ein. Eine Frau kam dabei ums Leben. Sie war das 98. zivile Todesopfer in Kherson in diesem Jahr – einer Stadt, die einst über 350.000 Einwohner zählte. Heute leben dort nur noch rund 66.000 Menschen.
Der Abschied von Katia, unserer Übersetzerin, sowie den beiden Kaplanen Ratmir und Kyrill fand kurz vor Mykolajiw auf dem Rückweg statt. Es war ein kurzer, aber emotionaler Moment. Für uns stand fest: Wir kommen wieder.
Das Team von EUFOMEDA hält unbeirrt an seinem Ziel fest: Drei Hilfstouren pro Jahr in die Ukraine zu organisieren – auch wenn die Finanzierung längst nicht mehr allein durch Spenden gedeckt werden kann. Jeder Einsatz zählt. Mehr als 1.500 Menschen konnten wir bereits direkt medizinisch versorgen, unzählige weitere durch unsere Medikamentenlieferungen an lokale Einrichtungen unterstützen.
Doch die Realität macht unsere Arbeit zunehmend schwerer: Die Spendenbereitschaft in Deutschland lässt spürbar nach. Viele Menschen sind müde geworden, nach all den Monaten, nach all den Bildern des Krieges. Das ist menschlich – und doch trifft es genau die, die am dringendsten Hilfe brauchen.
Die Not in der Ukraine ist nicht vorbei. Im Gegenteil: Sie wächst im Schatten der schwindenden Aufmerksamkeit. Um weiterhin helfen zu können, brauchen wir Sie. Jede Spende, jeder Beitrag ermöglicht es uns, Leben zu retten – ganz konkret, ganz direkt, vor Ort.
Bitte helfen Sie uns, zu helfen.
Menschlichkeit, medizinische Hilfe und unbedingte Verlässlichkeit – dafür steht EUFOMEDA. Und dafür werden wir weiter fahren.
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Rückfahrt – zwischen Stille und Gedanken
Die Rückfahrt war geprägt von Stille – und vom leisen Verarbeiten der Ereignisse der letzten Tage. Jeder von uns wusste, dass wir nur rund 48 Stunden nach der letzten Behandlung wieder in Deutschland sein würden. Wieder im Alltag. In Sicherheit.
Unsere Gedanken aber waren bei denen geblieben, die uns in der Ukraine begleitet hatten. Bei jenen, denen wir helfen durften – und die ihr Leben nun wieder allein weiterführen müssen. In einem Alltag, der vom Krieg bestimmt wird. In dem jeder Tag der letzte sein könnte.
Roland stieg in Prag in den Zug nach Berlin ein. Auch dieser Abschied fiel dem verbliebenen drei Teammitgliedern nicht leicht. Dennoch entschieden wir uns, die restliche Strecke von Prag nach Kirchzarten noch in dieser Nacht zu fahren. Wir wurden förmlich nach Hause gezogen.
Wir kehrten zurück – bewegt, erschöpft, dankbar. Und mit dem festen Entschluss: Wir kommen wieder.
Von Niko Fromke