14/09/2026
Es dauerte fast drei Jahre und die mühsame Arbeit von Zehntausenden Menschen, viele von ihnen Palästinenser,:innen die mit ihrem Leben bezahlten, bis die wichtigste liberale und sehr pro-israelische Zeitung in Deutschland (die auch der deutschen Industrie sehr nahesteht) diesen Artikel veröffentlichte. Die Zeitung, die gerne der „Guardian" sein möchte, aber in ihrem Deutschtum gefangen ist, hat es geschafft, Fakten über den Völkermord zu liefern, den Israel begeht.
Damit das geschieht, wird das framing und die Grammatik benutzt. Lehrer:innen für Deutsch als Fremdsprache - das ist der Artikel für Euch, um über indirekte Rede und Passivformen zu unterrichten. Partizips ohne Ende, Zustandspassiv usw.
Die Rahmung: Der deutsche Genozid an den Juden – den man in Deutschland gerne mit dem hebräischen Wort „Schoa" bezeichnet und dadurch von der emotionalen Bedeutung entfernt – schwebt ständig über dem Film. So beginnt der Artikel und nutzt die Stimme und Biografie Yuval Abrahams (mit dem Ausweis der Zugehörigkeit, dass er ein jüdisch-israelischer ist, den wir brauchen – und selbst als Teil dieser Falle liefern – in Deutschland), um der Kritik zu widersprechen, die kommen wird, nämlich der „Relativierung der Schoa". Man wird das nicht sagen können, weil die israelischen Soldaten es selbst sagen. Sie sagen auch „Genozid", und man kann sie zitieren. Das heißt, sie wissen genau, was sie tun. Und sie unterscheiden sich nicht von irgendeinem von uns: Jeder, der nicht geleugnet hat, was Israel tut, wusste schon seit dem 7. Oktober, dass es ein Völkermord ist. Der Holocaustforscher Prof. Raz Segal brauchte eine Woche, um darüber einen Artikel zu veröffentlichen (das heißt: Er schrieb ihn ziemlich schnell nach dem 7. Oktober, schickte ihn an die Zeitung, er wurde redigiert und veröffentlicht).
Der Artikel endet auch mit der "Dampflok aus Claude Lanzmanns Monumentaldoku „Shoah“, die in Richtung des Vernichtungslagers Treblinka rollt...".
Nachdem der Artikel veröffentlicht wurde, fügte die Zeitung auch die Stellungnahme der israelischen Armee hinzu. Diesmal ist es nicht „der Vorfall wird geprüft" oder „die Armee untersucht". Es ist einfach eine Leugnung, im Stil von „es ist nicht wahr, dass Palästinenser absichtlich getötet werden". Was dem widerspricht, was der israelische Präsident, Minister der israelischen Regierung, israelische Parlamentsmitglieder, Sänger:innen wie Idan Reichel auf Bühnen in Israel, der israelische Präsident, Generäle und israelische Journalisten in Sendungen auf offiziellen Fernsehkanälen gesagt haben. Sie riefen dazu auf, alle zu töten, weil es in Gaza „keine Unbeteiligten" gebe. Keiner wurde dafür in der einzigen Demokratie in der Galaxie angezklagt.
Interessant sind die Überschrift und das Bild des Artikels:
„Wir töten diese Kinder absichtlich" korrespondiert mit dem, was über Jahrzehnte von vielen Aktivisten geschrien, geschrieben und gesagt wurde. Es ist für uns natürlich nicht leicht, die Aussage über Israel zu hören, das Kinder ermordet, und alle Lobbyorganisationen Israels behaupten, sie sei antisemitisch.
Nun: Sie war und ist antisemitisch, als sie auf der kranken Fantasie von Christen und auf einer Verschwörungstheorie beruhte. So wie es antisemitisch ist zu glauben, Juden seien dafür verantwortlich, dass die Geburtenrate in Deutschland oder unter Weißen überhaupt weltweit niedrig ist, um die prächtige weiße Rasse zu vernichten und a**e Europäer dazu zu bringen, die Einwanderung von Muslimen zu unterstützen. Das ist antisemitisch.
Wenn Soldaten Israels, das sich selbst „der jüdische Staat" nennt und alle Medien und die Politik in Deutschland übernehmen das, absichtlich Kinder ermorden, ist das eine andere Geschichte. Israels Politiker:innen sagen das und rufen dazu auf. Lange vor dem 7. Oktober teilte Ayelet Shaked – ehemalige Justizministerin Israels, die sich selbst genüsslich mit einem Parfüm namens „Faschismus" bewarb – im Juni 2014 einen Artikel eines israelisch-jüdischen Publizisten, der über Palästinenser sagte: „Sie müssen gehen, wie die physischen Häuser, in denen sie die Schlangen großgezogen haben. Sonst werden dort noch mehr kleine Schlangen heranwachsen."
Der damalige deutsche Justizminister Heiko Maas (SPD) flog mit ihr gemeinsam über Palästina, „um die palästinensische Bedrohung" selbst zu sehen. Danach sorgte er für ihre Einladung nach Berlin. Das war im 2015 und gehört zum Normalisierungsprozess des Genzids an den Palästinenser.
Also rufen Politiker:innen und Generäle dazu auf, es absichtlich zu tun, und die Soldaten morden (so ist das, wenn man absichtlich tötet. Das ist Mord. Und wenn es massenhaft gegen eine ethnische Gruppe mit der Absicht geschieht, sie zu vernichten, ist es Völkermord. Israel hat nicht nur geborene Kinder ausgelöscht, sondern auch Fruchtbarkeitszentren mit den Kindern der Zukunft, schwangere Frauen. Das tat Israel neben die Auslöschung der Vergangenheit und das Erbe – Moscheen, Kirchen, Universitäten, Friedhöfe. Absichtlich.)
Wenn also Palästinenser und pro-palästinensische Aktivist:innen sagen, Israel ermorde Kinder, ist das nicht in Ordnung und „antisemitisch" und der Geheimdienst wird aktiviert – was ist dann das Schicksal einer führenden Zeitung in Deutschland, die sich daran erinnert, dass sie eine Zeitung ist und kein Propagandaorgan Israels, nachdem die ganze Welt bereits weiß, worum es geht ("wurde indes bereits in internationalen Medien berichtet."), und man nicht mehr weitermachen kann?
Wird die Süddeutsche Zeitung jetzt vom "Verfassungsschutz" überwacht? Als extremistisch im Bereich säkularer-Journalismus eingestuft?
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"Doku „Naza“ in Venedig: „Wir töten diese Kinder absichtlich“
Philipp Bovermann
10.9. 2026
Es war vor allem eine Szene, um die sich die Fragen bei der Pressekonferenz drehten, als der Film „Naza“ am Donnerstag in Venedig vorgestellt wurde. 24 Mitglieder der israelischen Streitkräfte und des Geheimdienstes beschreiben darin im Detail, wie die KI-Softwaresysteme funktionieren, die in Gaza zum Einsatz kommen, nach welchen Prinzipien die Einsätze ablaufen, welche Befehle sie bekommen, welche sie geben.
Einer, von dem nur die Silhouette zu sehen ist, Mitglied einer Eliteeinheit, sagt, er sei aufgewachsen mit dem Andenken an den Holocaust. Die N***s, so habe er gedacht, seien „das pure Böse“. Inzwischen verstehe er es. Er verstehe, wie man ein ganzes Gebäude zerstören kann, mit all den Menschen darin, aber dann gehe das Leben einfach weiter, und „man macht seinen Abschluss in klinischer Psychologie“.
Yuval Abraham, einer der beiden Regisseure des Films, sagte bei der Pressekonferenz, mehrere der Interviewten hätten diesen Vergleich gezogen. Abraham ist israelischer Jude. Er entstamme einer Familie von Holocaustüberlebenden, sagte er. Natürlich seien die Shoah und das, was in Gaza geschehe, nicht dasselbe. Aber es gebe ein gemeinsames Element, nämlich das der Entmenschlichung. Die solle der Film zeigen. Er reflektiere „die Dunkelheit, in der wir alle leben.“
Ob er denke, dass er an einem Genozid beteiligt gewesen sei? Der Mann bejaht, ohne zu zögern
Gefilmt wurden die Interviews auf dem Dach eines Hochhauses in Tel Aviv bei Nacht, unterbrochen von Einstellungen der schlafenden Stadt, aufgenommen mit Teleobjektiven. Menschen und flimmernde Fernseher sind hinter den Fenstern von Hochhäusern zu sehen, Reklametafeln, das fließende Licht des Straßenverkehrs am Boden. Die Stille nimmt den Horror in sich auf.
Auch das Töten geschieht aus großer Entfernung. Der israelische Geheimdienst habe Zugriff auf die Telekommunikation in Gaza und somit auf die Handys, berichtet einer der Männer. Ein KI-System analysiere automatisch sämtliche Verbindungen, daraus ermittle es einen Wert, wer mit welcher Wahrscheinlichkeit zur Hamas gehört. Eine „Fabrik von Zielen“ nennt einer die Software. Die zuverlässigsten Ziele seien gar nicht die mutmaßlichen Kämpfer selbst, sondern die Häuser, in denen sie wohnen. Die seien leicht auszumachen, weil die Handys dort jede Nacht aufhörten, sich zu bewegen – zu Hause, wo auch die Frau und die Kinder schlafen. Dann, sagt er, fallen die Raketen vom Himmel.
Selten haben Soldaten so viel gepostet wie aus dem Gaza-Krieg. Da wird über die „Schönheit“ von Explosionen gejubelt, und im Hintergrund surren Artilleriegeschosse. Für die einen ist es der pure Zynismus, für andere ein Beweismittel.
Die Silhouetten sind schwer voneinander zu unterscheiden, sie wurden, ebenso wie die Stimmen der Protagonisten, mit künstlicher Intelligenz verfremdet, um nicht erkannt zu werden. Warum die Israelis überhaupt vor die Kamera treten – ob aus Stolz oder Schuldgefühlen –, bleibt in den meisten Fällen vage. Der Fokus liegt auf dem System, in dem sie operieren.
Mehrere der Soldaten sagen, dass zivile Opfer nicht nur billigend in Kauf genommen werden. So viele Palästinenser wie möglich zu töten, sei vielmehr das Ziel. Schließlich gebe es in diesem Krieg keine Unbeteiligten. Ob er denke, dass er an einem Genozid beteiligt gewesen sei, lautet eine Frage. Der Interviewte zögert keine Sekunde, bevor er die Frage bejaht.
„Naza“, der Titel des Films, sei in der israelischen Armee das Kürzel für zivile Opfer, erklärt einer. Jedem potenziellen Ziel sei in der KI-Software ein Naza-Wert zugeordnet. Alles unter 20 – 20 unschuldige Menschen – bedürfe keiner besonderen Erlaubnis. Einmal habe er eine Freigabe für ein Ziel mit einem Wert von 500 bekommen, als würde er auf einen Schlag ein ganzes Dorf auslöschen. Die kombinierten Naza-Werte aller potenziellen Hamas-Kämpfer seien größer als die Gesamtzahl der Menschen in Gaza, sagt ein Soldat ratlos. Er wisse nicht, was er mit dieser Einsicht anfangen solle.
Um zu überprüfen, ob sie den Richtigen im Visier haben, hacken die Mitarbeiter des Geheimdienstes die Handys der Betroffenen, schalten deren Kamera und Mikrofone an, durchsuchen die gespeicherten Fotos. So berichtet es ein Geheimdienstler. Die Zugriffsmöglichkeiten auf die Handys in Gaza scheinen grenzenlos zu sein. Einer der Männer erzählt, wie er auf dem Handy eines Palästinensers ein Foto von dessen beiden kleinen Töchtern gesehen habe. Bei dem Angriff habe er über das Handy live verfolgt, wie eines der beiden Mädchen verbrannt sei. Gern würde man das Gesicht des Interviewten sehen, als er das erzählt, aber da ist nur dieser Schatten.
Einer erklärt mit Strichmännchen, wie Hungernde bei der Essensausgabe erschossen wurden: So fielen sie um
Überwiegend wird das Töten als alltäglicher Bürojob beschrieben. Als es darum gegangen sei, die Palästinenser aus dem nördlichen Teil von Gaza zu vertreiben, habe es Karten mit unterschiedlich eingefärbten Quadranten gegeben. Weiß habe bedeutet, dass das Gebiet zerstört ist. Violett bedeute, dort leben noch Menschen. Das Ziel sei gewesen, aus violetten Kästchen weiße zu machen: „Wie ein Videospiel.“
Es habe die Anweisung gegeben, so viel zu zerstören wie möglich, bevor die internationale Legitimation für den Militäreinsatz schwindet, sagt einer der Männer. Sie seien Experten darin geworden, Häuser niederzubrennen, acht Minuten sei ihr Rekord gewesen. Ein anderer berichtet, wie aus der Entfernung, aus Tel Aviv, Todeszonen in Gaza festgesetzt wurden. Wo die Grenzen verliefen, hätten die Palästinenser gelernt, indem sie erschossen wurden, wenn sie sich zu weit bewegten.
Und wieder ein anderer berichtet von Essensausgaben in Gaza, als Scharfschützen – seine Leute – auf die Hungernden feuerten. Internationale Medien, auch die SZ, hatten darüber berichtet. Nun zu sehen, wie jemand auf einem Dach in Tel Aviv Strichmännchen aufzeichnet, völlig ungerührt, so und so seien sie umgefallen, so und so hätten die Körper gelegen, das lässt einem das Blut in den Adern gefrieren.
Einer sagt, es mache Spaß, Palästinenser zu töten. Das sei die Mission. Es fühle sich gut an, die Mission zu erfüllen. Die Armee habe psychologische Betreuung angeboten, aber die habe keiner aus seiner Einheit gebraucht. Ein anderer sagt: „Wir töten diese Kinder absichtlich.“ Wellen um Wellen des Grauens. Und dann wieder diese unerträgliche Stille in den Häuserschluchten bei Nacht.
(...)
Bei der Premiere in Venedig bekam „Naza“ nun 25 Minuten lang stehenden Applaus – dem Branchendienst Deadline zufolge wurde noch kein Film auf einem der großen Festivals je so lang beklatscht. Offenbar saß im Publikum auch ein Vertreter des israelischen Militärs. Das veröffentlichte am Freitag, dem Tag nach der Premiere, eine Stellungnahme. Die Identität der Personen vor der Kamera lasse sich nicht feststellen, ihre Glaubwürdigkeit somit nicht beurteilen. Vieles der im Film diskutierten Zusammenhänge könnten niederrangige Soldaten überhaupt nicht wissen. Die Behauptung, palästinensische Zivilisten würden absichtlich getötet, sei falsch.
Über vieles von dem, worüber nun in „Naza“ gesprochen wird, wurde indes bereits in internationalen Medien berichtet. Unter anderem vom Regisseur Abraham selbst. Er schreibt für das israelische Portal +972 und enthüllte dort die Existenz des KI-System „Lavender“, um das es jetzt auch in der Dokumentation geht.
„Naza“ schafft es, mit reduzierten Mitteln eine Atmosphäre zu erzeugen, die gleichermaßen eindringlich wie respektvoll gegenüber den Opfern dieses Krieges ist. An einigen Stellen unterbrechen kurze Montagesequenzen die Interviews, über die Opfer des 7. Oktober, auch sie werden hier nicht vergessen. Und über den Holocaust. Die Dampflok aus Claude Lanzmanns Monumentaldoku „Shoah“, die in Richtung des Vernichtungslagers Treblinka rollt, ist zu sehen. Sie ist ebenfalls Teil der Dunkelheit, die über diesem Land liegt.
Anmerkung der Redaktion: Nach der Veröffentlichung wurde eine Stellungnahme der israelischen Streitkräfte ergänzt."
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